Betriebliches 06 2020

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98002585 PW_SH_BGM 06_2020 innen.pdf+++ Round Table: Physische Distanz überbrücken +++ EAP: Seelsorger in der Not +++ +++ Agiles Arbeiten: Unterschätzter Stress +++ Interview: Betriebsärzte im BGM +++ IS
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Brücken bauen WIE UNTERNEHMEN IHRE MITARBEITER IN DER CORONA-KRISE STÄRKEN KÖNNEN
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EDITORIAL
Gerade befinden wir uns auf dem Weg vom Lockdown zur Lockerung. Die Fitness-Studios haben geöffnet, Restaurants können wieder besucht werden, es dürfen sich wieder mehr Menschen treffen – alles nach wie vor mit Abstand. Unternehmen stehen nun zum einen vor der Herausforderung ihre Mitarbeiter nach und nach wieder in die Büros zu holen und dort eine Infektion zu verhindern. Zum anderen gilt es, die weiterhin im Homeoffice Arbeitenden, sei es weil sie Kinder betreuen müssen oder zur Risikogruppe zählen, auf Distanz zu führen. Man sollte meinen, dass das betriebseigene BGM gerade jetzt eine wichtige Rolle spielt, um Mitarbeiter psychisch und physisch fit zu halten. Fakt ist jedoch, dass Prävention und BGM auf der Prio-Liste gerade nach unten rutschen, so die Erfahrung unserer BGM-Experten beim diesjährigen Round Table. Sei es, weil das Krisenmanagement gerade alle Aufmerksamkeit beansprucht oder das BGM-Budget für das Überleben der Firma benötigt wird. Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden, denn die Gesundheit der Mitarbeiter ist das höchste Gut. Unternehmen, die schon vor der Krise mit einem strategischen und digitalen BGM glänzen und mit einer Vertrauenskultur punkten konnten, fällt es jetzt leichter eine Brücke zu ihren Mitarbeitern zu bauen. BGM hat nun die Aufgabe, sich als Partner in der Krise zu positionieren, denn diese wird Spuren hinterlassen. Mitarbeiter brauchen mehr denn je psychische Unterstützung. Somit sollte auch die psychische Gefährdungsbeurteilung verstärkt in den Fokus rücken. Wenn nicht jetzt, wann dann.
Elke Schwuchow, Redakteurin
Gesundheit neu wertschätzen
Redaktion Personalwirtschaft, Luxemburger Str. 449,
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HERAUSGEBER: Erwin Stickling
CHEFREDAKTEUR: Cliff Lehnen
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Streitbeilegung (sog. OS-Plattform) bereit. Wir weisen darauf hin,
dass wir an einem Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherstreit-
schlichtungsstelle nicht teilnehmen.
BETRIEBLICHES GESUNDHEITSMANGEMENT 06_2020
6 ROUND TABLE Herausforderung: Physische Distanz überbrücken
12 FACHBEITRAG Employee Assistance Programs – Seelsorger in der Not
15 INTERVIEW Franziska Stiegler gibt Unternehmen Tipps für den Umgang mit Corona-Stress
18 STUDIENERGEBNISSE Eine Umfrage im Mittelstand zeigt: BGM ist noch ein Sorgenkind
20 INTERVIEW Professor Hans Drexler über die Bedeutung des Betriebsarztes im BGM
22 FACHBEITRAG Agiles Arbeiten kann Stress verursachen
25 CASE STUDY Digitales BGM bei der REWE Group
28 FACHBEITRAG Psychisch Erkrankte in die Arbeitswelt integrieren
6 Personalwirtschaft Sonderheft 06_2020
BGM ROUND TABLE
Status quo uUm den Wert der Gesundheit wird – zwischen Lock- down und Lockerung – kontrovers diskutiert. Unter der Überschrift „Wie lange können wir uns ein Herun- terfahren der Wirtschaft noch leisten?“ ringen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft um die richtige Strategie: In der einen Waagschale liegen die persönlichen Ein- schränkungen, wirtschaftliche Existenznöte der Bürger und eine kräftige Rezession; in der anderen die drohende Ansteckungsgefahr des Einzelnen und ganzer Gruppen sowie die Überlastung des Gesundheitssystems. Wenn die Wirtschaft wieder anläuft, kommt auf Unter- nehmen die große Herausforderung zu, die Ausbreitung der Infektion am Arbeitsplatz zu verhindern. Damit die Belegschaft gesund bleibt, müssen sie nicht nur den betrieblichen Pandemieplan und neue Arbeitsschutz- standards umsetzen, sondern auch Maßnahmen zum
Schutz der körperlichen und psychischen Gesundheit der Mitarbeiter ergreifen. Das oberste Ziel lautet: den Normalmodus, beziehungsweise die friedliche Koexis- tenz mit dem Virus, zu erreichen. Dass die betriebliche Gesundheit ein hohes Gut ist, hat die Mehrheit der Arbeitgeber in den vergangenen Jahren erkannt. Aber wie lässt sich das Wohlergehen der Mit- arbeiter in der Krisensituation erhalten? In dieser Aus- nahmesituation sind vor allem die Betriebsärzte gefragt. Sie geben die grundlegenden Informationen zur Infek- tion weiter und zeigen Schutzmaßnahmen auf. In vielen Unternehmen sitzen sie im Krisenstab, der unter ande- rem darüber entscheidet, ob Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken verteilt werden sollen, berichtet Dr. Michael Drees, leitender Arzt der Ias AG. Der Medi- ziner, auch als externer Betriebsarzt tätig, beobachtet, dass die Betriebe „Prävention und BGM in ihrer Wich- tigkeit drastisch nach unten stufen“. Fast 100 Prozent der BGM-Präsenzmaßnahmen seien gestoppt und nur teilweise durch digitale Beratungsangebote ersetzt wor- den. Erfreulicherweise würden aber „Arbeitsmediziner aktuell so wertgeschätzt wie lange nicht mehr“. Dass der üblicherweise an erster Stelle stehende Prä- ventionsgedanke von BGM in Zeiten von Corona in der Prioritätenliste ganz weit nach hinten rückt, bestätigt auch Stefan Buchner, Geschäftsführer von UBGM: „Aktuell ist Krisenmanagement angesagt“, daher sei vor allem die Expertise der Betriebsmediziner gefragt, um eine Ausbreitung der Infektionen am Arbeitsplatz zu verhindern.
Für ausgewählte aktuelle Themen holt sich die Personalwirtschaft
Experten an einen Tisch, um mit diesen Trends,
den Markt und die Bedürfnisse von HR zu
diskutieren. Die Expertenrunde BGM (die
in Anbetracht der aktuellen Situation als
Videokonferenz stattfand) wurde von
wirtschaft, und Christiane Siemann, freie Jour-
nalistin, moderiert. Die Erkenntnisse lesen Sie hier.
Info zum Round Table
u Die Pandemie traf die Mehrheit der Unternehmen unvorbereitet. Gleiches gilt für die BGM-Dienstleister, die von einem auf den anderen Tag Vor-Ort-Maßnah- men der Betrieblichen Gesundheitsförderung oder aber strategische Aufgaben wie Erhebungen und Analysen einstellen mussten. Was also tun, um Mitarbeiter nicht im Stich zu lassen und Betriebe zu unterstützen? Die Krankenkassen, in Normalzeiten Partner von BGM- Maßnahmen, sind zum einen mit praktischen Aufgaben infolge des Shutdowns beschäftigt. Sie stunden die Sozi- alversicherungsbeiträge und informieren zu weiteren sozialversicherungsrechtlichen Fragen. So auch die IKK Classic, deren Versicherte im Handwerk arbeiten. Zum anderen kümmern sich die Krankenversicherungen um diejenigen Betriebe, deren Mitarbeiter weiterhin tätig sind. „Wir versorgen sie mit allen notwendigen Infor- mationen zur Vorbeugung vor Ansteckung – per Webi- naren, Apps und Videos“, berichtet Frank Klingler, Leiter des Referats Betriebliche Gesundheitsförderung. Und um die Betriebliche Gesundheitsförderung nicht ein- schlafen zu lassen, stellt die IKK Classic Firmenkunden, mit denen sie im BGM-Prozess ist, Trainingsvideos zur Verfügung. Da die Nachrichtenlage rund um das Coronavirus sehr schnelllebig ist, legt die Barmer Krankenkasse einen Fokus auf „wissenschaftlich fundierte Infor- mationen“, die auf der Homepage zu finden sind. Ebenso wurde eine extra Hotline freigeschaltet, ergänzt Gerd Scheup lein, Berater BGM Partnerunternehmen. Zwar seien die Präsenzveranstaltungen der Barmer komplett heruntergefahren worden, man forciere aber die Entwicklung digitaler BGM-Angebote gemeinsam mit den bundesweiten Partnern deutlich, damit sie Beschäftigten und Unternehmen zeitnah zur Verfügung stehen. Einen anderen Weg geht die Techniker Krankenkasse (TK). Neben umfangreichen Online-Informationen rund um das Virus führt sie per Videotelefonie eine ärztliche Fernbehandlung für Versicherte mit Corona-Infektion oder -Verdacht ein, inklusive einem elektronischen Rezept. Außerdem bietet die TK eine Virtual Reality nutzende Angsttherapie an. Die Betroffenen können eine psycho- therapeutische App mit Übungen zur Angstbewältigung nutzen und werden therapeutisch per Videotelefonat begleitet. Das Erstgespräch mit einer umfangreichen Diag- nostik erfolgt während der Corona-Pandemie auch per Videotelefonie mit einem Therapeuten. Die Experten für betriebliche Gesundheit haben sich auch schnell auf die aktuelle Situation eingestellt. Trai- nings, Workshops oder Beratungen erfolgen jetzt aus-
schließlich über telefonische oder virtuelle Kanäle. Neu ist der Schritt für die Anbieter nicht. Schon jetzt arbei- teten viele mit Videos, die Ernährungsfragen oder Trai- ningshinweise vertiefen. Aktuell ist aber Kreativität
Die Experten des Round Tables
Tom Conrads, Geschäftsführer,
insa Gesundheitsmanagement GbR
Kirsten Faust, Teamleiterin
Produkt- und Servicemanagement,
B.A.D Gesundheitsvorsorge und
und Key Account Manager,
BGM ROUND TABLE
gefragt, um den Zustand der physischen Distanz zu überbrü- cken. Eine Methode sind zum Bespiel interaktive Livetrainings mit qualifizierten Trainern. Damit arbeitet Insa Gesundheitsmanage - ment nun regelmäßig. Gefragt seien auch Webinare, die per se dem Livecharakter sehr nahe kommen, berichtet Geschäftsführer Tim Conrads. Das Thema „Führen auf Distanz“ rangiere bei Ver- antwortlichen an erster Stelle. Aber auch Hilfestellung für Mit- arbeiter und Führungskräfte, die unter Social Distancing leiden, sei gefragt. Interaktive Livemaßnahmen sind auch für den BGM-Spezialisten Moove das Mittel der Wahl. „Sie verbessern die Erlebbarkeit und reduzieren die Distanz“, erklärt Geschäftsführer Bastian
Schmidtbleicher. Dazu zählen Trainings und Workshops „mit dem Fokus auf den neuen Herausforderungen im Homeoffice oder Führungsaufgaben“. Er gibt noch einen wertvollen Hinweis: Die meisten Unternehmen haben momentan ihr Budget für BGM schnell eingefroren und auch anderen Betrieben fehle das Geld für unterstützende BGF-Schritte. Aber es gäbe die Mög- lichkeit, eine finanzielle Unterstützung für zertifizierte Präven- tionsmaßnahmen von den gesetzlichen Krankenkassen zu erhal- ten. „Damit können wir schnell Hilfe leisten vor allem für die Mitarbeitergruppen, die jetzt besonders gefordert sind, wie Pflege kräfte, Mitarbeiter aus der Produktion, die nicht im Home- office tätig sind, oder auch Auszubildende, die Unterstützung benötigen.“
u Eine andere Methode hat sich schon vor Corona bewährt: Employee Assistance Programs (EAP), auf die Arbeitgeber ver- stärkt setzen. Denn derzeit „summieren sich die Sorgen und Nöte der Beschäftigten wie zum Beispiel soziale Isolation im Homeoffice, finanzielle Sorgen, Probleme bei der Kinderbetreu- ung oder Angst vor Ansteckung“, erklärt Kirsten Faust von B.A.D. Die Teamleiterin für Produkt- und Servicemanagement berichtet, dass in den EAP-Service nun Ärzte mit Fachkenntnissen zur Pandemie eingebunden sind, da sich viele Fragen der Mitarbei- tenden um das Infektionsgeschehen bewegen. Diejenigen Betriebe, die bereits mit einem EAP-Service arbeiten, sind gut aufgestellt, bekräftigt Michael Drees von der Ias AG. Seine Erfahrung: Viel mehr Beschäftigte riefen momentan an. Und er bringt einen weiteren Kanal ins Spiel: Audio-Podcasts. Da die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers derzeit stärker als zuvor auch darin bestehe, „die Mitarbeiter psychologisch an die Hand zu nehmen“, eigne sich dieser Weg hervorragend. Ein täglicher Podcast, in dem „die Lage geordnet dargestellt und gleichzeitig den Mitarbeitern Mut zugesprochen wird“, erfahre viel Zuspruch. Auch weil für viele das Arbeiten von zu Hause nicht unproble- matisch ist, helfe diese „quasi persönliche“ Ansprache sehr. Weil die Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, „verschiebt sich die Prävention in die eigenen vier Wände“. Auf diese Formel bringt es Philippe Bopp von Machtfit. Der Geschäftsführer der Online-Plattform, auf der Mitarbeiter Gesundheitsangebote mit physischer Präsenz und Online-Kurse buchen können, kann dies mit Zahlen belegen. Während sich im März noch 76 Prozent der Nutzer für Angebote vor Ort entschieden haben, sind jetzt 95 Prozent auf digitale Maßnahmen umgeschwenkt. Die Akzeptanz sei sehr groß, sodass die vielen Gesundheitspartner ihre Trai- ningsangebote digitalisiert haben und online zur Verfügung stellen. „Die Folgen von Homeoffice, Dauerstress und psychischer
Das neue Live: telefonisch, interaktiv und audiovisuell
Belastung haben die zertifizierten Anbieter im Blick und entwickeln neue Inhalte – bis zu Beschäftigungsangeboten für Kinder –, die dabei helfen, die psychische Stabilität zu sichern.“ So viel ist klar: Die Weiterentwicklung und Nutzung von digitalen Lösungen im Bereich der betrieblichen Gesundheit werden durch die aktuelle Situation beschleunigt. „Aber mit dem Gießkannen- prinzip neue digitale Tools zu streuen, ist nicht sinnvoll“, mahnt Thomas Radant, BGM-Berater der Motio Verbundgesellschaft. Viele Unternehmen treffe beispielsweise der Wechsel zum mobilen Arbeiten unvorbereitet. Die Folge seien neue inhaltliche Heraus- forderungen, denen man mit Online-Schulungsformaten für Work-Life-Balance im Homeoffice, Resilienz oder Kommuni- kation im virtuellen Raum aktuell begegnen könne. Aber wie viel Digitales verträgt Führung? UBGM-Geschäftsführer Stefan Buchner macht darauf aufmerksam, dass Führungskräfte- Webinare sicherlich hilfreich seien. „Aber die Kommunikations - kultur insgesamt steht auf dem Prüfstand“. Derzeit begrenzt auf Telefon und digitale Kanäle, falle „Management by going around“ weg, also fehlen Mimik, Gestik und anderes. Trotzdem müssen Führungskräfte die Mitarbeiter wirksam erreichen. Jetzt zeige sich, welche Führungskräfte die Kompetenzen und genügend Vertrauen aufgebaut haben, um die Leistungsfähigkeit am Remo- te-Arbeitsplatz zu erhalten. Dann ist das Führen auf Distanz erfolgreich. Einen weiteren Aspekt ergänzt Kirsten Faust von B.A.D.: Die Beschäftigten arbeiteten zwar digitaler zusammen, aber das sei nicht überall vertraute Praxis. Teamwork-Prozesse müssten neu oder anders gestaltet und auch der Zusammenhalt sowie der Spirit des Unternehmens auf Distanz aufrechterhalten werden. An dieser Stelle brauchten Führungskräfte auf jeden Fall Unter- stützung, um auf die neuen Rahmenbedingungen besser reagieren zu können.
9Personalwirtschaft Sonderheft 06_2020
uDer Anspruch von BGM, sowohl Einfluss auf das Gesundheits- verhalten des Einzelnen zu nehmen als auch auf gesundheitsför- dernde Rahmenbedingungen inklusive des Führungsverhaltens, ist jetzt nicht außer Kraft gesetzt. Aber was gilt die Verhältnis- optimierung noch? Wie kann sie unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten werden? Erkennbar ist momentan: Unternehmen, die bereits eine gesund- heitsfördernde Kultur leben, profitieren in Krisenzeiten. Sie haben das Vertrauen in ihre Mitarbeiter, dass sie im Homeoffice genauso engagiert arbeiten wie im Büro, betont Sabine Voermans, Leiterin des Gesundheitsmanagements bei der TK. Und sie nähmen ihre Fürsorgepflicht ernst, da „sie auch in der Ausnahmesituation dafür sorgen, dass die persönlichen Ängste und Nöte der Beschäf- tigten aufgefangen werden“. Sie suchten aktiv nach Lösungen für Probleme, beispielsweise indem sie Eltern andere Arbeitszeiten erlauben. Dies alles trage letztlich zur Motivation und Gesund- erhaltung bei. Und wenn Führungs- und Unternehmenskultur noch nicht stim- men? Ist jetzt der passende Moment, daran zu drehen und gesund- heitsförderliche Verhältnisse herzustellen? Die Diskussion der BGM-Experten zu diesem Aspekt verläuft sehr kontrovers. Moove- Geschäftsführer Bastian Schmidtbleicher sieht einerseits die Auf- gabe von BGM-Verantwortlichen im Managen der BGF-Angebote inklusive betriebsspezifischer Informationen. Zum anderen – weil wir noch länger mit dem Virus in Koexistenz leben müssen – könnten Befragungen der Mitarbeiter aufzeigen, an welchen Stellen welche Art von Stressoren entstehen. Eine Analyse inklusive Hand- lungsableitungen eröffne Chancen, „die organisationale Resilienz jetzt und für die Zukunft zu stärken“. Ebenso wichtig sei die stra- tegische Weiterentwicklung von BGM für den Übergang vom Lockdown zur Normalität. Moove habe ein von den Krankenkassen gefördertes Programm aufgebaut, das nicht nur die nahtlose Fort- führung von BGM ermögliche, sondern „auch eine Form von Safer Work“. Schmidtbleicher: „Wir müssen die Arbeit während und im Übergang aus der Krise ermöglichen. Machen wir das nicht, wird die Aufholjagd der Wirtschaft in der Post-Corona- Zeit eine durchgehende menschliche Krise werden.“ Einer der Einwände gegen dieses Szenario kommt von Michael Drees von der Ias AG: „Ein Großteil der Unternehmen agiert im Krisenmodus und hat jetzt keine Ressourcen, an den präventiven
Wert von BGM zu denken.“ Nur ein Teil sei auf die aktuelle Home- office-Situation vorbereitet. Viele Arbeitsprozesse sind nun zwangs- digitalisiert und müssen gemanagt werden. Hier bleibe keine Luft für andere Überlegungen. Für die Zeit nach der Krise ändere sich dies hoffentlich wieder. Machfit-Geschäftsführer Philippe Bopp beurteilt das ähnlich. Per- sonalverantwortlichen bleibe aktuell nur in Ausnahmefällen aus- reichend Zeit, um strategische BGM-Aufgaben und systematische BGF-Maßnahmen aktiv mitzuentwickeln und absegnen zu können. Umso entscheidender sei die Rolle des BGM-Managers: Er könne in der Krise die Bereitstellung von digitalen gesundheitsförderlichen Maßnahmen garantieren und bei der Kommunikation zum Arbeit- nehmer gestaltend eingreifen. Was zählt in der Krise? Weniger die Entwicklung einer umfassenden BGM-Strategie als vielmehr die schnelle und praktische Hilfe, argumentiert auch Gerd Scheuplein von der Barmer Krankenkasse. Das bedeute, Bedarfe zu erkennen, unternehmensspezifische digi- tale Angebote zu entwickeln und diese zeitnah an die Beschäftigten zu kommunizieren. Ebenso wichtig sei der kritische Blick nach Durchführung der ersten digitalen Maßnahmen, um eventuell Anpassungen vornehmen zu können.
Verhältnisprävention in der Krise
Kompakt: Die wichtigsten Erkenntnisse des Round Tables
1 Der Betriebsarzt ist der wichtigste Ansprechpartner bei der Umsetzung des
SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards und Fragen der betrieblichen
Gesundheit.
2 BGF-Trainings und -Workshops werden momentan fast ausschließlich über
virtuelle Kanäle angeboten. Liveformat helfen, die physische Distanz zu überbrücken.
3 Unternehmen, die bereits eine gesundheitsfördernde Kultur leben, profi-
tieren in Krisenzeiten. Sie haben das Vertrauen in ihre Mitarbeiter, dass sie
im Homeoffice genauso engagiert arbeiten wie im Büro.
4 Das Homeoffice und die rein virtuelle Kommunikation können als
Stressoren wirken, die sowohl die Führung als auch das BGM im Blick
behalten sollten.
5 Die Pandemie wird Spuren hinterlassen. Arbeitgeber müssen darauf
reagieren, um die physische und psychische Gesundheit in der Arbeits- welt wieder herzustellen und zu erhalten.
6 Das Betriebliche Gesundheitsmanagement kann die Mitarbeiter beim
Übergang vom Lockdown zur Normalität, beziehungsweise zur
Koexistenz mit dem Virus, begleiten und unterstützen.
10 Personalwirtschaft Sonderheft 06_2020
BGM ROUND TABLE
Vorbilder für Qualitätstandards
u Die Pandemie rückt die Arbeitsmedizin ins Rampenlicht. Ohne sie sollte kein BGM-Prozess aufgesetzt werden. In der Vor- Corona-Zeit war diese Erkenntnis nicht immer vorhanden, da auf beiden Seiten durchaus Berührungsängste bestehen: „Wir erleben Unternehmen, in denen Arbeitsmediziner und der BGM- Steuerungskreis vorbildlich miteinander arbeiten“, berichtet Ste- fan Buchner von UBGM. Aber es gebe auch Betriebe, in denen sie „getrennt voneinander vorgehen“. Während die einen kurativ im Arbeits-und Gesundheitsschutz arbeiten, treiben die BGM- Verantwortlichen den präventiven Gedanken voran. Dass die Corona-Pandemie zu einer Verschmelzung oder stärkeren Zusam- menarbeit führt, nimmt er nicht wahr und betont, dass sich „betriebliche Gesundheit aktuell völlig zu Recht auf die medizi- nischen Aspekte des Arbeits- und Gesundheitsschutzes konzen- triert“. Für Berater Thomas Radant von Motio ist das Zusammenspiel beider Disziplinen ganz entscheidend. Die Verantwortung von BGM-Verantwortlichen sieht er darin, dass sie „immer Experten für mögliche Lösungen konsultieren“ und Maßnahmen ableiten. Daher stehe in der aktuellen Situation der Arbeitsmediziner als vorrangiger fachlicher Ansprechpartner an der ersten Stelle. Diejenigen Betriebe, die ein strategisch aufgestelltes, funktionie- rendes BGM haben und „in denen der Betriebsarzt in Gesund- heitskonzepte und Planungen integriert ist, können besser mit
der Krise umgehen“, betont Arbeitsmediziner Michael Drees von der Ias AG. Hier zeige sich, dass alle Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter eng verzahnt sind und sinnvoll ineinandergreifen. Doch das ist nicht die Regel. Je nach Projekt und Unternehmen gelingt die Integration der Arbeitsmedizin unterschiedlich gut, registriert Tom Conrads von Insa. Er beobachtet aufseiten der Arbeitsmediziner unter- schiedliche Auffassungen darüber, wie intensiv sie ihre Leistungen im präventiven Bereich einbringen wollen. Conrads wünscht sich, dass „wir nach der Corona-Krise gemeinsam mit dem Arbeitsmediziner das Thema BGM wieder gut platzieren können und gemeinsam kurativ und präventiv auftreten“. In der jetzigen Situation liege eine große Chance für alle engagierten Beteiligten (siehe auch Seite 20). Anders als bei anderen Marktteilnehmern, die ausschließlich auf BGM ausgerichtet sind, ist B.A.D. in den 1970er-Jahren als Spe- zialist für Arbeitsmedizin und -sicherheit gegründet worden und erweiterte später sein Portfolio um Betriebliches Gesundheits- management. Daher seien die Produkte schon immer interdis- ziplinär entwickelt worden. „Medizinische Informationen müssen mitgedacht und eingesteuert werden, auch bei der Strategie des BGM und typischen BGF-Maßnahmen“, erklärt Kirsten Faust. „Nicht nur die momentane Situation zeigt, wie wichtig dieses Zusammenspiel ist.“
u „In der Corona-Krise liefert die Bundesregierung mit ihrem strategischen Vorgehen ein gutes Vorbild auch für BGM-Pro- zesse“, lobt Stefan Buchner von UBGM. Qualität bedeute, zunächst auf die Kennzahlen zu schauen, dann Ziele festzulegen, Maß- nahmen umzusetzen und später deren Wirksamkeit zu kontrol- lieren. Genauso funktioniere ein gutes Betriebliches Gesund- heitsmanagement: Immer wieder die Zahlen zurate ziehen und zu prüfen, ob die Verantwortlichen noch auf dem richtigen Weg sind. „Mein Wunsch ist, dass sich die Entscheider in Unternehmen daran erinnern und ihre Dienstleister daran messen werden.“ Ein anderer Aspekt von Qualität steht und fällt mit der Aus- und Weiterbildung der handelnden Akteure, erinnert Thomas Radant von Motio. Nicht nur der Bundesverband Betriebliches Gesund- heitsmanagement, sondern auch die Richtlinien für Prävention tragen zur Qualitätssicherung bei mit ihren Kriterien zur Aus- und Weiterbildung. „Daran sollten sich Unternehmen orientieren.“ Auch für Motio sind Kennzahlensysteme ein wichtiger Prüfstein für die Qualität im BGM, da sich Zielsetzung, Maßnahmenzu- ordnung und Wirksamkeit messbar darstellen ließen. Dass…