Das st£¤dtebauliche und architektonische Erbe der EXPO 2000 ... unter Leitung von Kenzo...

Click here to load reader

download Das st£¤dtebauliche und architektonische Erbe der EXPO 2000 ... unter Leitung von Kenzo Tange bereits

of 7

  • date post

    02-Sep-2019
  • Category

    Documents

  • view

    0
  • download

    0

Embed Size (px)

Transcript of Das st£¤dtebauliche und architektonische Erbe der EXPO 2000 ... unter Leitung von Kenzo...

  • bildung in weiten Bereichen neue Strukturen. Be-

    reits 1873 hatte Wien die Neuordnung der Innen-

    stadt zum Thema gemacht, im 20. Jahrhundert wa-

    ren programmatische Beiträge für Montreals „terre

    des hommes“ oder für Osaka als experimenteller

    Bauplatz der Stadtutopien aus den 1960er Jahren

    unter Leitung von Kenzo Tange bereits die Regel.

    Insbesondere das Motto von Mon treal markiert

    einen qualitativen Sprung: die Entstehung eines

    globalen Bewusstseins. Diese EXPO hat mit dem

    Wohnhügel von Moshe Safdie zum ersten Mal eine

    Wohnarchitektur als Zeichen, verstanden als Alter-

    native zur Zersiedlung der Landschaft.

    Auch Deutschland konnte in der Vergangenheit

    auf Weltausstellungen architektonische Maßstäbe

    setzen: Der Beitrag von Ludwig Mies van der Rohe

    1929 in Barcelona wurde stilbildend für die moder-

    ne Architektur, nicht zuletzt durch Mies‘ Entwurfs-

    prinzipien des „freien Grundrisses“ und des „flie-

    ßenden Raumes“. Gleiches gilt für die Deutschen

    Pavillons von Egon Eiermann 1958 in Brüssel und

    von Frei Otto und Rolf Gutbrod 1967 in Montreal,

    Letzterer mit einem Zelt als „Ausstellungsgebäu-

    de“. Das hatte es bis dahin auf Weltausstellungen

    noch nicht gegeben. Eine Weiterentwicklung ist

    die Zeltkonstruktion für die Olympischen Spiele

    58

    Das städtebauliche und architektonische Erbe der EXPO 2000 – eine Nachlese

    Wolfgang Schneider

    Von Weltausstellungen gingen stets wesentliche

    städtebauliche und architektonische Impulse aus.

    Am Beispiel der EXPO 2000 skizziert der Beitrag

    die Planungsprozesse mit Wettbewerben, die Rea-

    lisierung wichtiger Bauprojekte ebenso wie he-

    rausragende Elemente der Landschafts- und Frei-

    raumplanung. Neben architektonischen Neuheiten

    im Hallenbau auf dem EXPO- und Messegelände

    wird auch die (unrühmliche) Geschichte des Deut-

    schen Pavillons thematisiert. Einigen markanten

    und in Erinnerung bleibenden Architekturstate-

    ments unter den Nationenpavillons stand aller-

    dings vielfach Dutzendware gegenüber, die dem

    Anspruch an Nachhaltigkeit nicht gerecht werden

    konnte.

    1. Weltausstellungen als Zeitmesser

    Wenn die These stimmt, dass Weltausstellungen

    als Entwürfe von dem Spiel mit der Imagination als

    Antrieb für soziale Prozesse leben, dann haben

    diese Entwürfe ein besonderes Verhältnis zum

    Bewusstsein der Zeit. Von ihnen gingen wesent-

    liche Impulse für neue Konzepte zum Städtebau

    und zur Architektur aus. Ihre Bilder, Inszenierun-

    gen und Projekte prägen bis in die Gegenwart

    städtebauliche Leitbilder. Die Ausstellungsgelände

    aber, wo sie nicht als Symbole und monumentale

    Anlagen eine über die Zeit hinausgehende Wir-

    kung erlangten, hinterließen die vergänglichsten

    Bauten. Analog zu H.G. Wells’ Roman „The Time

    Machine“ von 1895 gehen die architektonischen

    Umwelten der Weltausstellungen von der Vorstel-

    lung aus, dass Vergangenheit und Zukunft zitierba-

    re Zeitebenen einer Zeitreise sind.

    Weltausstellungen wurden und werden immer

    wieder zu Sinnbildern von Paradigmenwechseln

    stilisiert, zuweilen mit epochaler Bedeutung. In der

    Philosophie werden diese Sinnbilder allerdings als

    Fortfall von Kausalität und Substanz gedeutet. Sie

    erfüllten in der Vergangenheit die Sehnsüchte der

    Menschen und bewirkten eine tiefgreifende Verän-

    derung von Öffentlichkeit. Auch als sie noch Mes-

    sen der Erfindungen und der neuartigen Industrie-

    produkte waren, boten die „Expositions Universel-

    les“ bereits architektonisch wegweisende Bauten

    mit virtuosen Konstruktionen wie zum Beispiel den

    Londoner Kristallpalast oder den Pariser Eiffelturm.

    Nicht weniger revolutionär als ihre Architektur

    waren auch die Themen der ersten Weltausstellun-

    gen, erforderten doch Industrialisierung und Stadt-

    Luftaufnahme Messe- und Expogelände; Foto: Michael Lindner

    59

    DAS STäDTEBAULICHE UND ARCHITEKTONISCHE ERBE DER EXPO 2000 – EINE NACHLESE

  • ländes als gebaute Stadt mit klaren Kanten vor, die

    allerdings so nicht realisiert werden konnte. Die

    mit den Preisträgern durchgeführte Überarbeitung

    ergab gravierende Veränderungen gegenüber der

    Ursprungsplanung: die Aufwertung des Ostteils

    durch die Einfügung der „EXPO-Plaza“ und das

    „Pavillongelände Ost“. Das Ergebnis dieses Pla-

    nungsprozesses war ein weit ausgearbeitetes

    Städtebau- und Strukturkonzept für ein kompaktes

    Ausstellungs gelände, das bereits alle wesentlichen

    Struktur lemente der späteren Geländeplanung

    enthielt.

    Die Vielschichtigkeit der Aufgabenstellung erfor-

    derte ein einfaches, robustes Konzept als konsis-

    tente Planungsgrundlage. Ab Sommer 1993 wurde

    die Erarbeitung des Masterplans für das Weltaus-

    stellungsgelände dem Büro AS&P Albert Speer &

    Partner (Frankfurt) und den Landschaftsplanern

    Kienast, Vogt und Partner (Zürich) übertragen.

    Darin wurden „sowohl die städtebauliche Struktur

    des Weltausstellungsgeländes weiterentwickelt als

    auch wesentliche Aspekte wie Verkehr, Lage der

    Besuchereingänge, Belange der Sicherheit … Der

    Masterplan war koordinierendes Instrument in ei-

    nem Planungsprozess mit einer großen Zahl von

    Beteiligten … Von diesem Planwerk, das auf dem

    Prinzip der ,offenen Planung‘ beruht, ging eine

    wichtige ordnende und leitende Funktion für die

    vielen an der Konzeption und Realisierung der

    vielfältigen Baumaßnahmen beteiligten Akteure

    aus“ (Jürgen Eppinger, ehem. Leitender Baudirek-

    tor der Planungsgruppe Weltausstellung). Das

    Messegelände wurde nach einem orthogonalen

    System neu geordnet und um zwei ebenfalls ortho-

    gonale Pavillonflächen ergänzt.

    Einen besonderen Beitrag stellten neben den ein-

    zelnen Objektplanungen die Landschafts- und

    Freiraumplanungen dar, die in hohem Maße zur

    Strukturierung und Qualität des Gesamtgeländes

    beigetragen haben. Dazu gehören beispielsweise

    die „Allee der Vereinigten Bäume“ als axiale Ost-

    West-Verbindung, der „EXPO-See“ und das weit-

    hin sichtbare und größte freitragende, von Weiß-

    tannen gestützte Holzdach der Welt, das Wahrzei-

    chen „EXPO-Dach“ (Architekt Prof. Herzog & Part-

    ner). Mit der „EXPO-Plaza“ erhielt das Gelände

    darüber hinaus einen „gut dimensionierten und

    vielfältig nutzbaren modernen Platzraum“ (Eppin-

    ger), der nach einem städtebaulichen Wettbewerb,

    den das Büro von Gerkan, Marg und Partner

    gewonnen hatte, durch das Büro WES realisiert

    wurde. Erwähnung finden sollte auch der land-

    schaftsplanerische Wettbewerb „EXPO-Ost“, den

    Kamel Louafi gewann. Die auf der Grundlage

    dieses Wettbewerbes realisierten Gartenanlagen

    im Ostteil des Geländes „Gärten im Wandel“,

    „ EXPO-Park“ und „Park-Agricole“ gehörten nicht

    nur aufgrund ihres herausragenden Konzeptes,

    sondern auch durch die hohe Qualität ihrer Reali-

    sierung zu den Stärken des Geländes.

    Überhaupt Wettbewerbe: Zu den besonderen

    Anstrengungen im Hinblick auf Architekturquali-

    tät gehörten diverse Wettbewerbsverfahren, die im

    Vorfeld der Weltausstellung auch für Bereiche au-

    ßerhalb des Messegeländes durchgeführt wurden.

    Zu erwähnen sind beispielsweise die Realisie-

    rungswettbewerbe für die Messehallen 8, 9 und 13,

    den Bahnhof Hannover Messe/Laatzen oder die

    „Familie“ der Fußgängerbrücken zur Verbindung

    der einzelnen Geländeteile, die auch umgesetzt

    wurden.

    3. Architektonische Neuheiten im Hallenbau auf dem EXPO- und Messegelände

    Im Zuge der Neuausrichtung im Messehallenbau –

    alles ebenerdig, hell, also viel Licht, Luft und Grün

    – entstanden auf dem damals aktuellsten Stand der

    1972 in München von Frei Otto und Günther Beh-

    nisch, verstanden als ein durch internationale

    Fernsehübertragungen vermitteltes Bild des Zu-

    sammenwirkens von Mensch, Natur und Architek-

    tur, das zum Image deutscher Offenheit und Trans-

    parenz wurde – ein Gegensatz zur Monumentalität

    der Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

    Weltausstellungen, so schreibt André Bideau, sind

    wie Olympische Spiele und andere Großereignisse

    Teil einer sogenannten „Verwertungsdynamik“, für

    die der Begriff „Festivalisierung“ geprägt wurde.

    Die damit zusammenhängende Instrumentalisie-

    rung von Architektur als „Event“ war nicht nur

    Gegenstand der Kritik in den einschlägigen Feuil-

    letons, sondern – wie die zahllosen, fast apokalyp-

    tischen Beschreibungen über Sinn und Zweck von

    Weltausstellungen zeigen – eine mehr oder weni-

    ger offene Zivilisationskritik. Gutmeinende Apolo-

    gien von Zukunftsoptimisten waren eher selten.

    Und doch hat mit der EXPO 2000 ein