Und Analytische Meditation

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    22-Oct-2015
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Transcript of Und Analytische Meditation

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  • K O N Z E N T R A T I V E

    U N D

    A N A L Y T I S C H E

    M E D I T A T I O N

    G E S H E R A B T E N

    Edition Rabten

  • Scanned by Haudenlukas Alle Rechte vorbehalten (c) Rabten Stiftung c/o Thurnherr von Meiss & Partner, Zrich Herausgeber: Gonsar Tulku und Helmut Gassner Verlag: Edition Rabten, Zrich Druck und Bindung: Ksel, Kempten

  • I N H A L T

    Dieses Buch enthlt eine Niederschrift von Unterweisungen, die Geshe Rabten am 9. und 10. Oktober 1982 auf dem Letzehof in Feldkirch gegeben hat und von Helmut Gassner bersetzt wurden.

    ber den Autor 7 Konzentrative und analytische Meditation 13

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    GESHE RABTEN

    Geshe Rabten Rinpoche gilt als einer der bedeu- tendsten tibetischen Gelehrten und Meditationsmei- ster der jngsten Vergangenheit. Nur die groen Gelehrten seiner Zeit und seine engsten Schler kn- nen ermessen, welch tiefe Weisheit und alles umfas- sende Gte dieser Meister in sich vereint hat.

    Trotzdem erlaube ich mir, einige Eindrcke zu schildern, die ich von Geshe gewinnen konnte. Ein Jahrzehnt lang hatte ich persnlichen Kontakt zu ihm und konnte viele Belehrungen von ihm hren. Ich hoffe, mit diesem Vorwort den Lesern, die nicht das Glck hatten, ihn kennenzulernen, eine Vorstellung von seiner Person zu geben.

    Am tiefsten beeindruckt bin ich von Geshes Gte, die er jedem ohne Unterschied entgegenbrachte, gleich ob Mensch oder Tier, Schler oder Fremder, Verehrer oder verzweifelt Hilfesuchender.

    Jederzeit war Geshe bereit, Hilfe zu leisten, sei es in der Form von Belehrungen, eines Ratschlages oder materieller Hilfe. Ich habe mehrmals miterlebt, wie Menschen in geistiger Bedrngnis nachts im Kloster anriefen, um Geshe um einen Rat zu bitten. Immer hatte er dafr Zeit.

    So kmmerte sich Geshe um einen jungen Mann, der vllig verwirrt war. Diese Verwirrung kam von

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    der jahrelangen Beschftigung mit allen mglichen esoterischen Richtungen ohne die Anleitung eines qualifizierten Lehrers. Geshe nahm den Mann bei sich auf, sorgte fr Unterkunft und Verpflegung und machte ber Wochen jeden Tag ausgedehnte Spazier- gnge mit ihm, bis er wieder geistig gefestigt war.

    Whrend einer Belehrung im Klsterlichen Insti- tut in Rikon (Schweiz) sah Geshe in einer Ecke des Tempelraums einen Frosch, unterbrach die Beleh- rung und bat, da einer der Zuhrer den Frosch ins Freie setzen mge, da dieser sonst von der Katze des Institutes erwischt werden knnte.

    Bei einem kleinen Ausflug entdeckte Geshe in einem Warteraum auf einem Fenstersims eine Fliege, die auf dem Rcken lag. Vorsichtig nahm er sie auf die Handflche, hauchte sie an, sprach einige Man- tras, bis sie sich wieder bewegte, und bat mich, sie nach drauen in die Sonne zu bringen. Solche und hnliche Begebenheiten erlebten wir immer wieder.

    Wenn Geshe von einer Reise zurckkam, brachte er immer fr jeden in seiner unmittelbaren Umge- bung ein kleines Geschenk mit, ohne auch nur ein einziges Mal einen zu vergessen.

    Fr die Mnche besorgte er einfache Sportgerte, um fr sie einen Ausgleich zum strengen Studienplan zu schaffen. Immer wenn meine Frau und ich nach Tharpa Choeling kamen - dem Kloster, dessen Abt Geshe war und das jetzt Rabten Choeling heit - war seine erste Frage: Seid ihr gut untergebracht, braucht ihr noch Decken usw. Und diese Fragen uerte

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    Geshe, whrend er tibetische Texte, die er immer vor sich auf einem Tischchen hatte, studierte und analy- sierte.

    Neben Geshes Gte ist mir seine tiefe Bescheidenheit deutlich in Erinnerung. Obwohl er einer der ranghchsten tibetischen Lamas im Westen war, trat Geshe berall als einfacher, bescheidener Mnch auf, zu dem jedermann Zugang hatte. Ich hrte nie, da Geshe einmal Wnsche fr seine eige- nen Belange uerte.

    Wenn ein hoher Lama nach Tharpa Choeling zu Besuch kam, stellte Geshe dem Besucher sein eigenes Zimmer zur Verfgung und er selbst wohnte dann in einer winzigen Nebenkammer. Er schlief und medi- tierte auf einer einfachen Matratze, vor sich ein leeres, umgedrehtes Obstkistchen als Tischchen, auf dem er seine Gebetstexte ablegte.

    Es ist vor allem Geshe, der bereits in Indien die ersten westlichen Schler unterrichtet hatte, zu ver- danken, da der tibetische Buddhismus in Europa Verbreitung fand. Und dies in authentischer, klarer und verstndlicher Form, die jedem einen Zugang ermglicht, gleich welcher Konfession er angehrt, gleich mit welchem geistigen Weg er sich auseinan- dergesetzt hat oder nicht.

    Geshe baute in der Schweiz auf Wunsch seiner Heiligkeit, des Dalai Lama, in beispielhafter Weise eine traditionelle klsterliche Ausbildung fr

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    tibetische und westliche Mnche auf. Trotz dieser starken zeitlichen Beanspruchung gab Geshe fast tglich und an den verschiedensten Orten im In- und Ausland Belehrungen, von der einfachsten Atembung bis hin zu den schwierigsten Themen der buddhistischen Philosophie.

    Eines der Hauptkennzeichen dieser Belehrungen ist die Klarheit und die leichte Verstndlichkeit, mit der er auch schwierigste Aspekte deutlich machte. Erstaunlicherweise war Geshe mit unserer westlichen Art zu denken von Anfang an bestens vertraut. Er bertrug die Belehrungen des Buddha, der vor 2500 Jahren gelehrt hat, unverndert in die heutige Zeit und erschlo uns deren volle Tiefe und Weite in un- vergleichlicher Weise, hufig unter Verwendung ein- fachster Bilder und Beispiele.

    Da ist beispielsweise das Gleichnis vom Haus. Wer eines baut, beginnt mit den Fundamenten; nie- mals mit dem Dach. Mit diesem Bild lt sich gleich- zeitig eines von Geshes Hauptanliegen zeigen: in den Zuhrern und Schlern eine feste Basis fr eine geistige Entwicklung zu setzen. Immer wieder machte Geshe deutlich, wie wichtig die vorbereitenden bungen sind und wie wichtig die unmittelbare Anwendung des Verstandenen ist. Auch da ein Schweben in hohen geistigen Gefilden ohne rechte Grundlage nicht nur eine Zeitverschwendung ist, sondern sogar uerst gefhrlich sein kann.

    So hat Geshe sehr oft das sechste Kapitel von Shantidevas Leitfaden fr das Leben eines Bodhisattvas

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    unterrichtet, das ausschlielich von Geduld handelt. Ist es nicht ein erstrebenswertes Ziel und eine felsenfeste Basis fr jede geistige Entwicklung, in jeder Lebenssituation einen heiteren, ungestrten Geist zu bewahren?

    Ein weiteres Kennzeichen seiner Belehrungen ist, da sie auf geistiger Toleranz grnden, so da die Meditationen auch von Christen angewandt werden knnen. Aber darber kann sich der Leser anhand dieses Bchleins, das ja in die Meditation einfhrt, sein eigenes Urteil bilden.

    Der Zugang zu den Belehrungen fr uns im deutschen Sprachraum wurde wesentlich durch Helmut Gassner bewirkt. Er bersetzte eine groe Zahl von Geshes Belehrungen direkt vom Tibetischen ins Deutsche. Da ich selbst sehr viel davon profitiert habe, mchte ich ihm an dieser Stelle herzlich danken.

    Wenn ich von Geshe als einem Begrnder des tibetischen Buddhismus im Westen spreche, mchte ich seinen engsten Schler nennen, der dieses groe Werk in reinster Weise fortsetzt und sein Leben ganz dieser Aufgabe widmet: Gonsar Rinpoche, ein tibetischer Meister, der mehr als drei Jahrzehnte mit Geshe lebte und in jeder Beziehung als sein geistiger Sohn zu bezeichnen ist. Ihm ist es zu verdanken, da wir auch heutzutage zum tibetischen Buddhismus in seiner authentischen Form direkten Zugang haben

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    und da der wertvolle Schatz der Belehrungen von Geshe Rabten Rinpoche erhalten und weitergegeben wird.

    Ostermiething, Januar 1991

    Prof. Dr. Franz Gschwind

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    K O N Z E N T R A T I V E U N D A N A L Y T I S C H E M E D I T A T I O N

    Der Anla unseres Zusammenkommens sind Er- luterungen ber Dharma, das heit ber Dinge, die es einem erlauben, ein heilsames Leben zu fhren. Man sollte sich glcklich schtzen, Zugang zu sol- chen Ausfhrungen zu haben, und mit Freude zuh- ren.

    Wenn man sein eigenes Leben von der Kindheit bis jetzt betrachtet, dann kann man erkennen, da ein Tag nach dem andern vergangen ist, ohne da man etwas erreicht hat, worauf man ernsthaft seinen Finger richten knnte, und da man sehr wenig Zeit dazu verwendet hat, sich um ein heilsames Leben zu bemhen und Dharma auszuben. Deshalb sollte man in der Zukunft vorsichtig sein; denn es kommt bestimmt der Zeitpunkt, wo dieses Menschenleben sein Ende findet, und hat man bis dann die ganze Zeit, die einem zur Verfgung stand, nutzlos verstrei- chen lassen, ist das fr einen selbst sehr bedauerlich.

    Was immer man tut, die Zeit vergeht stndig. Gut ist es, wenn man sie fr etwas Heilsames und auer- gewhnlich Ntzliches verwenden kann, und das ist dann auch ein Anla zur Freude.

    Unter allen Wesen, die im Daseinskreislauf exi- stieren, kann man suchen, soviel man will, man wird

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    keines finden, das in einem letztlichen krperlichen und geistigen Glck lebt. Denn manche leiden unter unertrglichen krperlichen Drangsalen; andere, die im Augenblick frei von solchen Leiden sind, haben dafr jedoch ebenso alle Voraussetzungen, die durch kleinste Umstnde jederzeit aktiviert werden knnen. Auch wenn wir uns jetzt ber keine krperlichen Unstimmigkeiten zu beklagen haben, knnen ganz kleine Vernderungen sehr schnell solche herbeifh- ren.

    Ob wir uns im Augenblick wohl fhlen oder nicht, ist auf die zutrglichen und abtrglichen ue- ren Umstnde zurckzufhren; die Voraussetzungen fr krperliches Leid sind jedoch von der Natur unse- res Krpers her stndig gegeben.

    Im Augenblick ist das Gefhl z.B. in unserm Arm vielleicht angenehm, aber sobald man ihn zwickt, ver- ursacht einem das krperliches Leid. Der Umstand, der dazu fhrt, sind die Finger, die die Haut zwicken, die Ursache ist jedoch in der Natur des Krpers gege- ben. Das kennen