Platzbildung bei Mies van der Rohe - RWTH Aachen University 9 Ludwig Mies van der Rohe, Brief an...

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    Lutz Robbers

    Platzbildung bei Mies van der Rohe

    Das Jahr 1923 markierte die Ankunft Ludwig Mies van der Rohes im Zen- trum der Weimarer Architektur-Avantgarde. In diesem Jahr präsentierte Mies seine Arbeiten auf insgesamt vier Ausstellungen: der Großen Berli- ner Kunstausstellung, der Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft für neue Kunst und Dichtung in Magdeburg, der De Stijl Schau in der Galerie de l’Effort Moderne in Paris und der Ausstellung Internationale Architektur in Weimar. In unterschiedlichen Kombinationen wurden hier die inzwischen zu Ikonen der modernen Architektur gewordenen Modelle, Zeichnungen und Fotomontagen des Hochhauses Friedrichstraße, des Glashochhauses, des Bürohauses in Eisenbeton, des Landhauses in Eisenbeton und des Landhauses in Backstein gezeigt. Gleichzeitig trat er erstmalig mit sei- nen theoretischen Ideen an die Öffentlichkeit. Nachdem er seinen Artikel

    „Hochhäuser“ im Jahr zuvor publiziert hatte, umreißt Mies in der Zeitschrift G:Material zur elementaren Gestaltung, an deren Gründung er maßgeblich beteiligt war, in insgesamt drei Beiträgen die Grundzüge seines architek- tonischen Denkens.1

    Wüster konstruktivistischer Formalismus

    Von besonderer Bedeutung ist seine Teilnahme an der von Walter Gropius organisierten Ausstellung Internationale Architektur, die im Rahmen der Bauhausausstellung vom 15. August bis zum 30. September 1923 in Weimar stattfand. Unter dem Motto „Kunst und Technik – Eine neue Einheit“ sollten Arbeiten von knapp dreißig deutschen und internationalen Architekten die

    1 Ludwig Mies van der Rohe: Hochhäuser, in: Frühlicht, 1922, H. 4, S. 122–124; ders.: Bürohaus, in: G: Material zur elementaren Gestaltung, 1923, H. 1, o.S.; ders.: Bauen, in: G: Material zur elementaren Gestaltung, H. 2, 1923, o.S.; ders.: Industrielles Bauen, in: G: Zeitschrift für elementare Gestaltung, 1924, H. 3, o.S.

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    programmatische Kehrtwende des Bauhauses hin zu einem funktionalis- tischen Paradigma bezeugen. Im Gegensatz zu den expressionistischen Phantasiegebilden der Frühphase des Bauhauses sollte ein neuer „Bauleib“ geschaffen werden, „der seinen Sinn und Zweck aus sich selbst heraus durch die Spannung seiner Baumassen zueinander funktionell verdeut- licht und alles Entbehrliche abstößt, das die absolute Gestalt des Baues verschleiert.“2 Durch die Ausstellung von Hochhausprojekten aus moder- nen Materialen wie Eisenbeton, Stahl und Glas von Mies, Gropius, Mart Stam und Max Taut, Siedlungsplanungen mit variierbaren Haustypen von Farkas Molnár oder auch Le Corbusiers Projekt einer Ville contemporaine de trois millions d’habitants sollte das Bild einer europaweit triumphierenden Moderne präsentiert werden.3

    Gropius hatte der Architektur von Mies eine wichtige Rolle zugedacht. In Vorbereitung auf die Ausstellung erläutert er in seiner schriftlichen Anfrage an Mies die Intention der Ausstellung, die moderne Architektur „nach der dynamisch-funktionellen Seite“ und „weg von Ornament und Profil“ zu präsentieren.4 Mies bietet Gropius daraufhin an, zwei Modelle nach Wei- mar zu senden: das Modell des Glashochhauses mit dem geschwungenen Grundriss und das horizontal geschichtete Holzmodell seines Bürohauses in Eisenbeton. Diese sollten, so der Wunsch Mies’, „nebeneinander zu einer Platzbildung“ vereinigt werden. „Ich habe das ausprobiert; die Wirkung ist ausgezeichnet und ich glaube auch sie [Gropius] würden dann verstehen, weshalb das Geschäftshaus nur die Horizontal-Gliederung hat.“5 Seine schnelle positive Antwort deutet darauf hin, dass Mies die von Gropius initiierte inhaltliche Neuausrichtung des Bauhauses grundsätzlich unter- stützte. Zugleich klingt der abschließende Satz seines Briefes aber auch wie eine Mahnung an Gropius, der bereits 1919 als Organisator der vom Arbeitsrat für Kunst in Berlin veranstalteten Ausstellung unbekannter Ar- chitekten die Einsendungen von Mies und Ludwig Hilberseimer abgelehnt hatte:6 „Da ich jeden Formalismus welcher Art er auch sei ablehne und

    2 Walter Gropius: Idee und Aufbau des Staatlichen Bauhauses Weimar, in: Staatliches Bauhaus Weimar 1919–1923, Weimar/München o.J., S. 15.

    3 Klaus-Jürgen Winkler: Die Architekturausstellungen in Weimar, in: Hellmut Th. Seemann/ Thorsten Valk (Hgg.): Klassik und Avantgarde. Das Bauhaus in Weimar 1919–1925, Göttingen 2009, S. 261–281. Für eine differenzierte Erläuterung der Rolle der Architektur am Bauhaus vgl.: Berry Bergdoll: Paradoxes of Architecture and Design in and after the Bauhaus, in: Bauhaus 1919–1933: Workshops for Modernity, New York 2009, S. 41–61.

    4 Walter Gropius: Brief an Ludwig Mies van der Rohe, 4. Juni 1923. Library of Congress, Washington D.C., The Papers of Mies van der Rohe, Box 1, Folder G.

    5 Ludwig Mies van der Rohe: Brief an Walter Gropius, 14. Juni 1923. Ebd. 6 Siehe Ludwig Hilberseimer: Berliner Architektur der 20er Jahre, Mainz 1967, S. 29–30.

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    aus dem Wesen der Aufgabe heraus ihre Lösung versuche, so wird nie eine formale Verwandtschaft die einzelnen Arbeiten verbinden.“7

    Mies sollte sich in seiner Vorahnung bestätigt sehen. Knapp drei Monate später, kurz nach seinem Besuch der Bauhaus-Ausstellung, drückte er in einem Schreiben an Werner Jakstein seine Verärgerung aus über das, was er in Weimar gesehen hatte:8

    „Am Sonntag, dem 16. September, finden ganz prinzipielle Besprechun- gen der G-Leute hier in Berlin statt. Ich werde diesen Augenblick be- nutzen, um klarzustellen, wo jeder steht, ich werde meinen Standpunkt ganz klar und eindeutig bekannt geben, es wird sich da entscheiden, wer zu uns halten kann, und wer nicht. […] Gerade der wüste konstrukti- vistische Formalismus, den ich in Weimar und die dort herrschenden künstlerischen Nebel, haben mich veranlasst, meinen Standpunkt im G-Heft erneut zu formulieren, zumal im ersten Heft ein Teil dessen, was ich geschrieben habe, irrtümlich nicht gebracht worden ist.“9

    Tatsächlich entpuppt sich die versprochene Klarstellung, die Mies in der zweiten Ausgabe von G unter dem Titel „Bauen“ publiziert, als Beweis für die scheinbare Unfähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen. Tautologisch fordert er „Bauen wieder zu dem zu machen, was es allein sein sollte, nämlich BAUEN.“10 Mies findet sich in einer paradoxen Situation: Einer- seits deutet sein resolutes Eintreten gegen den vermuteten Formalismus

    7 Mies van der Rohe: Brief an Gropius (Anm. 5). 8 Werner Jakstein (1876–1961) war Baurat der Stadt Altona, der mit zahlreichen Architekten

    wie Mies, J.J.P. Oud und Cornelis van Eesteren in Verbindung stand. Vgl. Olaf Bartels: Archi- tektur als nationale Frage? Die Hansen-Rezeption durch Werner Jakstein und die Altonaer Architektur zwischen 1910 und 1930, in: Ulrich Schwarz (Hg.): Christian Frederik Hansen und die Architektur um 1800, München 2003, S. 181–94.

    9 Ludwig Mies van der Rohe, Brief an Werner Jakstein, 13. 9. 1923. Research Papers, Docu- ments and Tape Recordings Related to Mies van der Rohe and the Establishment of the Museum of Modern Art’s Mies van der Rohe Archive, compiled by Ludwig Glaeser. Canadian Center of Architecture, Montreal. In Vorbereitung auf die Ausstellung in der Galerie de l’Effort Moderne in Paris, die im Oktober 1923 eröffnet wurde, schrieb Mies an Theo van Doesburg und wiederholt sein Urteil über die Bauhausausstellung: „Über Weimar werden Sie schon von Richter gehört haben. Ich fürchte, daß von dort aus eine konstruktivistische Mode Deutschland wellenartig überschwemmen wird. Man konnte in Weimar sehen, wie leicht das jonglieren [sic] mit konstruktivistischen Formen ist, wenn man nur das Formale anstrebt; dort ist die Form das Ziel, während Sie bei unseren Arbeiten das Resultat ist. Mir scheint es auch wichtig nach aussen hin eine scharfe Trennung zwischen konstruktivistischen For- malismus und wirklich konstruktiver Schärfe herbei zu führen.“ Ludwig Mies van der Rohe, Brief an Theo van Doesburg, 27. 8. 1923, Library of Congress, Washington D.C., The Papers of Mies van der Rohe, Box 2, Folder V.

    10 Ludwig Mies van der Rohe: Bauen 1923 (Anm. 1) o. S. Hervorhebung original.

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    im konstruktivistischen Gewand auf einen fundamentalen Bruch im Pro- jekt der Architektur-Avantgarde der frühen zwanziger Jahre, der Mies als dringlich genug erschien, eine „klare Trennung der Geister“11 innerhalb der G-Gruppe einzufordern. Andererseits scheint er nicht in der Lage, den vermuteten Bruch an formalen, stilistischen oder programmatischen Merkmalen festzumachen.12

    Im Folgenden wird es darum gehen, die von Mies intendierte „Platzbil- dung“ als mögliche Alternative zum funktionalistisch-konstruktivistischen Paradigma zu deuten, der sich mit der Bauhausausstellung ankündigt. Im Begriff der „Platzbildung“ verdichtet sich ein Geflecht von Diskursen, die grundlegend sind für die Entwicklung des architektonischen Denkens von Mies und dies zu einem Zeitpunkt als er, wie er selbst später äußerte, begann „Architektur zu verstehen“.13 Die Entflechtung dieser Diskurse ist die Absicht dieses Artikels.

    Zuerst einmal ist es bemerkenswert, dass Mies nicht den konstruktiv- funktionalen Charakter oder die Materialehrlichkeit seiner Bauten betont, sondern den Begriff des „Platzes“ und damit die Frage nach der Rolle des Urbanen in den Mittelpunkt stellt. Abgesehen von seinen Entwürfen für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) und den Wettbewerb für eine Neugestaltung des Alexanderplatzes (1929) ersche