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Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Projekt mehrkultur55plus

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  • Entfalten statt liftenErfahrungen und Ergebnisse aus dem Projektmehrkultur55plus in Nordrhein-Westfalen

    gefrdert vom:

  • gefrdert vom:

    Das Projekt mehrkultur55plus wurde von Mai 2004 bis Februar 2007 vom Institut fr Bildung und Kultur koordiniert und vom Ministerium fr Generationen, Familie, Frauen, und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen als Teil der Landesinitiative Seniorenwirtschaft gefrdert.

    Ansprechpartner:

    Dr. Claus Eppe Ministerium fr Generationen, Familie, Frauen, und Integration des Landes Nordrhein-WestfalenHorionplatz 1D - 40213 Dsseldorf Fon: +49 (0)211 8618 3320 Fax: +49 (0)211 8618 4460 claus.eppe@mgffi.nrw.de www.mgffi.nrw.de

    Gerda SiebenInstitut fr Bildung und Kultur Kppelstein 34D - 42857 RemscheidFon:+49 (0)2191 794 294sieben@ibk-kultur.dewww.ibk-kultur.de

    Institut fr Bildung und Kultur e.V.

  • ltere Menschen als Kulturnutzer und Kulturschaffende: Erfahrungen aus dem Projekt mehrkultur55plus 3

    Rckblick und Ausblick 3

    Ergebnisse und Zukunftsperspektiven 5

    Eckpunkte fr eine zukunftsfhige Entwicklung 7

    berregionale Aktivitten 8 Die Informations- und Marketingkampagne 8

    Qualifizierungsmanahmen 13

    Abschlusstagung: Entfalten statt liften! Kunst und Kultur im 3. Lebensalter 15

    Die Prozesse in den Projektregionen 17 Das System der Dialogmoderation 17

    Regionale Aktivitten:

    Schwerpunkt: Vernetzen (Region Sdwestfalen, Rheinschiene) 18

    Schwerpunkt: Informieren (Region Niederrhein, Regio Aachen, Ruhrgebiet) 23

    Schwerpunkt: Einbinden & Aktivieren (Ostwestfalen-Lippe, Sdwestfalen, Bergisches Land) 24

    Schwerpunkt: Kultureinrichtungen sensibilisieren (Mnsterland, Ruhrgebiet) 28

    ... das macht einfach mein Leben aus Kulturell aktive ltere Menschen in NRW: Zugnge, Motive, Barrieren 33

    Anlass der Pilotstudie 33

    Vorliegende Erkenntnisse ber die Kulturnutzung lterer 33

    Die Befragung kulturell aktiver lterer Menschen: Methode und Probanden-Profile 34

    Ergebnisse der Befragung 38

    Zugnge 38

    Motive 40

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    Barrieren 42

    Erklren verboten? - Fehlende Kulturvermittlung 44

    Hinweise der Befragten zur Frderung des Kulturengagements lterer Menschen 45

    Hinweise und Empfehlungen fr Kulturanbieter 45

    Hinweise und Empfehlungen fr Verwaltung und Politik 48

    Arbeitshilfen: Entfalten statt liften Frische Ideen fr Kunst und Kultur 49

    Acht Anregungen fr Kulturveranstalter/innen 51

    Kulturmarketing fr ltere Zielgruppen 53

    ltere Menschen als Kulturbotschafter/innen einbinden 55

    Senioren/innen als Kulturmacher: Selbstorganisation frdern 56

    Weiterfhrende Literatur (Auswahl) 57

  • 3

    ltere Menschen als Kulturnutzer und Kulturschaffende:

    Erfahrungen aus dem Projekt mehrkultur55plus Rckblick und Ausblick Entfalten statt liften!: Dieses Motto hat das Projekt mehrkultur55plus knapp drei Jahre beglei-tet. Es ist in der Projektregion Bergisches Land entstanden, wo ltere Teilnehmende bei einer Einstiegsveranstaltung darber sprachen, worin fr sie das besondere Potenzial von Kunst und Kultur liege. Eine Teilnehmerin sagte: Fr mich geht damit nach der Rente ein Tor auf fr die Selbst-Entfaltung der Persnlichkeit. Darauf eine andere: Genau: mit Kunst entfalten statt liften! Wir griffen dieses Motto sofort auf, denn es brachte auf den Punkt, was Kunst und Kultur in beson-derer Weise ermglichen: eine Zunahme an Lebensgenuss und Entfaltungsmglichkeiten.

    Landesinitiative Seniorenwirtschaft

    Das Projekt mehrkultur55plus ist im Mai 2004 als Teil der Landesinitiative Seniorenwirtschaft gestartet. Die Landesinitiative hat das Ziel, die wirtschaftlichen Chancen, die sich durch die gezielte Ansprache von Senioren/innen ergeben, besser auszuschpfen und zugleich die Lebensqualitt lterer Menschen zu verbessern. Dabei standen zunchst Bereiche wie seniorengerechtes Wohnen oder haushaltsnahe Dienstleistungen im Vordergrund. Doch auch der Freizeitbereich, Sport und Kultur spielen im Leben lterer Menschen eine wachsende Rolle.

    So kam es zum Start dieses Projektes unter dem Titel: ffnung der Kulturwirtschaft fr Seniorin-nen und Senioren. Der etwas sperrige Name wurde nach lebhaften Diskussionen in die Kurzform mehrkultur55plus gebracht. Die Schwierigkeit, Alter ber Lebensjahre festzulegen, war uns dabei bewusst, doch sollte mit dem Projekttitel die Positionierung klar werden: hier geht es um ltere Menschen ab 55 Jahren. Die Diskussion ber den Altersbegriff, ber die Definition von Alter und das Altersbild, begleitete das gesamte Projekt und wurde in allen Regionen gefhrt.

    Dialogprozesse Ein Ziel des Projekts war es, Kulturanbieter und ltere Menschen in einen Dialog zu bringen, um eine bessere Ausrichtung von Kulturangeboten auf die Bedrfnisse lterer zu erreichen. Um inten-sive Dialogprozesse anregen zu knnen, wurden zunchst vier Regionen in NRW ausgewhlt. Spter kamen vier weitere Regionen hinzu, sodass NRW fast vollstndig vertreten war. Die Einbin-dung der Regionen ist v.a. dadurch gelungen, dass fr das Projekt Mitstreiter, so genannte Dia-logmoderatoren/innen, in den Regionen gewonnen wurden, die die Senioren- und die Kulturszene gut kennen und an ein regionales Netzwerk angeschlossen sind. Diese Dialogmoderatoren/innen haben Aktive aus den Regionen in den Dialogprozess eingeladen: es wurden runde Tische, Vortragsveranstaltungen, Tagungen, Workshops organisiert, Arbeitsgrup-pen gebildet und konkrete Projekte initiiert und begleitet. Mit ihrer Untersttzung ist es ber den Dialog hinaus zu vielen konkreten Kooperationen und Projekten gekommen, von denen einige ber die eigentliche Projektlaufzeit hinaus umgesetzt werden. Zahlreiche Menschen in den Regionen haben sich inspirieren und aktivieren lassen, und neue Ideen in das Gesamtprojekt eingebracht. Mitgewirkt haben Knstler/innen, Fachleute aus Verbnden, aus der kommunalen Kulturverwaltung

    Abschlusstagung in Kln am 17.01.2007 Foto: Jan Schmolling

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    Spielerinnen des Altentheaters des Freien Werk-statt Theaters Kln in Alle Tage Sonntag bei der

    Fachtagung am 17.01.2007 in Kln Foto: Jan Schmolling

    und der kulturellen Bildung, Vertreter von Industrie und Handwerk, Existenzgrnder/innen und na-trlich auch ltere kulturinteressierte Menschen.

    Kultur als Lebensmittel

    Ein weiteres Ziel von mehrkultur55plus war es, die Chancen der Kulturwirtschaft im Prozess des demografischen Wandels in einer praxisnahen Form aufzuzeigen. Diese Aufgabe brachte weitrei-chende Diskussionen mit sich, denn Kultur ist keine einfache Ware wie eine Gehhilfe oder ein Handy. Kultur kann ein materielles Produkt sein, eine Dienstleistung oder der Inhalt eines Medi-ums. Kulturprodukte werden nur zum Teil auf einem echten Markt gehandelt. Der grte Teil der Kulturangebote in Stdten und Regionen ist staatlich subventioniert. Viele kulturelle Produktionen werden von Nutzern und Genieern selbst hergestellt und erscheinen gar nicht auf einem Markt. In den Regionen wurde diskutiert, ob Kultur berhaupt als Ware gehandelt werden soll und inwie-weit es ein Grundrecht auf Kultur geben msste. Wir haben diesen Konflikt nicht lsen knnen, aber mit der Formel: Kultur ist ein Lebensmittel betont, dass alle Menschen einen Zugang zu dem Lebensmittel Kultur haben sollen, und dass dieser Zugang nicht aufgrund von Alter, kultureller Zugehrigkeit oder Armut verhindert sein darf. Ein solcher Anspruch relativiert den wirtschaftlichen Fokus und betont die Zielsetzung der Landesinitiative, die Lebensqualitt lterer Menschen in NRW zu verbessern.

    Kulturwirtschaft

    Beim Blick auf die Kulturwirtschaft ergab sich eine weitere Fokussierung. Es zeigte sich, dass sich die Groen der Branche (Buch- und Hrbuchmarkt, Medienkonzerne, Musicalbetreiber) bereits durch Marktanalysen und neue Produkte auf den demografischen Wandel einstellen. So kam es schon zu Beginn des Projektes zu der Entscheidung, besonders die ffentlich gefrderten Kulturanbieter, Theater, Bibliotheken, Konzerthuser, soziokulturellen Zentren, Volkshochschulen und die ffentlichen Kunst- und Musikschulen sowie kleinere private Kulturanbieter anzusprechen, wie lokale Kinobetreiber, private Theater, Museen, Kunstwerksttten, Kunst- und Musikschulen und nicht zuletzt selbstndige Knstler/innen. In der Gesamtheit handelt es sich also um ein uerst breites Spektrum.

    ltere Menschen als Verbraucher und Produzenten von Kultur

    Doch auch die lteren Menschen verharren keineswegs brav auf der Verbraucherseite. Wir fanden in allen Regionen ltere Menschen, die als Produzenten und Anbieter von Kunst und Kultur aktiv sind: sie spielen Theater, tanzen, singen, drehen und bearbeiten Filme oder schreiben Bcher. Zudem sind ltere sehr aktive und wichtige Kultur-vermittler, die Kulturreisen, Museumsfhrungen, Salons und Vortragsreihen immer hufiger selbst organisieren. Sie ziehen dabei neue Kultur-interessierte an. Viele der aktiven lteren findet man in Bereichen, in denen sich soziales und kulturelles Engagement berschneiden.

    Als Ehrenamtliche in sozialen oder kirchlichen Netzwerken, in Seniorenorganisationen, Medienstel-len, Stadtteilinitiativen, Altenheimen und Schulen fllen sie soziales Engagement mit kulturellen Inhalten: sie lesen vor, erzhlen oder machen Musik fr andere.

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    Aktive Migrantinnen und Migranten

    Migranten/innen sind sozial und kulturell genauso aktiv wie Einheimische. Doch gibt es noch zu wenige Berhrungspunkte zwischen den Aktivitten der Einheimischen und Zugewanderten. Beide Gruppen bewegen sich sehr stark innerhalb ihrer Bezge, z.B. in den Migrantenorganisationen, in ihren Stadtteilen und Gemeinden. Hier muss der Dialog verbessert werden, damit Kulturanbieter ltere Migranten/innen, die ihren Lebensabend zunehmend im Zuwanderungsland verbringen