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ELECTRICS ELECTRICS Ray Gerold #4 Detroit Wieder ein Klon, der sich blind der Preci-Schablone bemächtigt? Bei Rainer „Ray“ Gerold ist al- les etwas anders gelagert: Der deutsche Tonabnehmer-Hersteller hat irgendwann begonnen, Tes- tinstrumente zum Ausprobieren seiner Pickups zu bauen, die vom Markt angenommen wurden. Mittlerweile sind auch Bass-Klassiker mit Detailoptimierungen erhältlich. Beim vorliegenden P-Bass ist neben serieller eine parallele Verschaltung der beiden Tonabnehmerspulen möglich, bei Bedarf kann der Tonabnehmer ohne die Klangregelung direkt auf den Ausgang gelegt werden. Davon ab- gesehen bleibt die traditionelle Precision-Grundidee erhalten. Von Nicolay Ketterer Seit 1997 bietet Rainer Gerold eigene Tonabnehmer an und hat sich einen Namen für brummfreie, gut klingende Single Coils gemacht. Die Idee, Instrumen- te zu bauen, entstand zehn Jahre später eher zufällig. Für Endkunden sei es naturgemäß schwierig gewe- sen, die Tonabnehmer vorab auszuprobieren, er fer- tigte einzelne Testgitarren für Händler an, die Exem- plare wurden verkauft. Daraus sei die Nachfrage ent- standen, die Bässe (P- und J-Modelle) folgten. Die Hintergründe: Gerold war praktisch schon immer im Musikaliengeschäft unterwegs, er betreibt nebenbei einen Großhandel für Texas-Gitarrengurte. Seit 1991 ist er im Außendienst für Gitarrenhersteller tätig, da- runter Gibson, Gretsch, Martin und Blade. Das liefert Einblicke in die verschiedenen Welten und Probleme einzelner Instrumententypen, so entstanden seine Ideen. Als nicht namhafter Hersteller müsse man mehr fürs Geld bieten, um die Kundschaft zu über- zeugen, sagt Gerold. Zeit, einen Blick auf einen seiner Bässe zu werfen. Die Modellbezeichnung „Detroit“ spielt auf die frühere Motown-Heimat in der ehema- ligen amerikanischen Metropole in Michigan an und damit auf den prägenden Motown-Precision-Bassisten James Jamerson. Tonabnehmer Gute Pickups seien günstig machbar, allerdings nicht immer exakt reproduzierbar, erklärt der Hersteller Gerold. Unter anderem variiere der Drahtzug, mit dem der Draht beim Drehen gespannt wird. Die Ton- abnehmer haben zwei lange und kurze Seiten. Die Umlaufzeit einer Wickelmaschine bleibt für kurze und lange Seite dieselbe. Um die physikalischen Ge- gebenheiten auszugleichen, gilt: Der Drahtzug muss auf der kurzen Seite stärker sein, damit der Zug insge- samt konstant bleibt. Sonst sitzt der Draht zu locker an der kurzen, was zu Mikrofonie führen kann, und zu fest an der langen Seite. Der Mikrofonie kann man durch Wachsen entgegenwirken, zu fest sitzender Pickup-Draht kann allerdings reißen. Die Anpassung des Drahtzugs habe er gelöst, erzählt Gerold, und die exakte Reproduzierbarkeit seiner Tonabnehmer ge- währleistet. Im Detroit-Bass ist sein zweiteiliger P- Tonabnehmer verbaut. Klassisch werden die beiden Spulen für das obere und untere Saitenpaar seriell verschaltet. Hier kommen beide Potis ins Spiel, die als Push/Pull aufgeführt sind: Mit gezogenem Ton-Poti können beide Tonabnehmer-Spulen für zusätzliche Klangvariation auch parallel verschaltet werden. Das Volume-Poti legt im gezogenen Zustand das Tonab- nehmersignal direkt auf die Ausgangsbuchse, ohne über die Klang- bzw. Lautstärkeregelung geführt zu werden. Optimierungen Der Hals ist bewusst nicht lackiert, sondern nur ge- wachst. Gerold wollte so wenig wie möglich Behand- lung am Hals. Die größte Schwingfläche der Saiten liegt unter dem Hals, nicht dem Korpus, da wollte er eine Einschränkung der Schwingungseigenschaf- ten durch Lackierung so gering wie möglich halten. Gerold sagt, er habe überlegt, was für eine gute Gi- tarre unentbehrlich ist – dazu gehören ein richtiger Knochensattel, vernünftige Elektronik. „Der Endpin ist nicht entscheidend.“ Als Korpus verwendet er für den Bass Erle, was im Fall des 1960er-Style P-Basses dem Vorbild entspricht – zudem bestehen laut Ge- rold bei Erle geringere Gewichtsschwankungen, ver- glichen mit Esche, was die gleichmäßige Fertigung erleichtert. Gerold selbst übernimmt die Bestückung der Bodys, die Gitarren werden indes von zwei Gi- tarrenbauern in Deutschland zusammengesetzt. Der Bass ist, wie das gesamte Gerold-Portfolio, in sieben Farben bestellbar, darunter klassische 50er und 60er Jahre Fender-Farben oder wie hier in Gold. Dass er ein Gigbag statt einem Case mitliefert, ist laut Rainer Gerold dem Preis-Leistungs-Verhältnis geschuldet. Nachhaltige Modelle müsse man aus den USA beziehen, wenn man nachhaltige Modelle wolle. Asiatische Cases seien qualitativ problematisch, daher habe er sich für eine formversteifte Gigbag-Variante mit eigenem Design entschieden. Eine andere Über- legung: Gerold verzichtet auf eine Webseite, die ganz große Markt-Verbreitung. Er will selbst den Überblick behalten, statt die Stückzahlen hochzuschrauben. OPTIMIERT 32 33

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Ray Gerold #4 Detroit

Wieder ein Klon, der sich blind der Preci-Schablone bemächtigt? Bei Rainer „Ray“ Gerold ist al-les etwas anders gelagert: Der deutsche Tonabnehmer-Hersteller hat irgendwann begonnen, Tes-tinstrumente zum Ausprobieren seiner Pickups zu bauen, die vom Markt angenommen wurden. Mittlerweile sind auch Bass-Klassiker mit Detailoptimierungen erhältlich. Beim vorliegenden P-Bass ist neben serieller eine parallele Verschaltung der beiden Tonabnehmerspulen möglich, bei Bedarf kann der Tonabnehmer ohne die Klangregelung direkt auf den Ausgang gelegt werden. Davon ab-gesehen bleibt die traditionelle Precision-Grundidee erhalten.

Von Nicolay Ketterer

Seit 1997 bietet Rainer Gerold eigene Tonabnehmer an und hat sich einen Namen für brummfreie, gut klingende Single Coils gemacht. Die Idee, Instrumen-te zu bauen, entstand zehn Jahre später eher zufällig. Für Endkunden sei es naturgemäß schwierig gewe-sen, die Tonabnehmer vorab auszuprobieren, er fer-tigte einzelne Testgitarren für Händler an, die Exem- plare wurden verkauft. Daraus sei die Nachfrage ent-standen, die Bässe (P- und J-Modelle) folgten. Die Hintergründe: Gerold war praktisch schon immer im Musikaliengeschäft unterwegs, er betreibt nebenbei einen Großhandel für Texas-Gitarrengurte. Seit 1991 ist er im Außendienst für Gitarrenhersteller tätig, da-runter Gibson, Gretsch, Martin und Blade. Das liefert Einblicke in die verschiedenen Welten und Probleme einzelner Instrumententypen, so entstanden seine Ideen. Als nicht namhafter Hersteller müsse man mehr fürs Geld bieten, um die Kundschaft zu über-zeugen, sagt Gerold. Zeit, einen Blick auf einen seiner Bässe zu werfen. Die Modellbezeichnung „Detroit“ spielt auf die frühere Motown-Heimat in der ehema-ligen amerikanischen Metropole in Michigan an und damit auf den prägenden Motown-Precision-Bassisten James Jamerson. TonabnehmerGute Pickups seien günstig machbar, allerdings nicht immer exakt reproduzierbar, erklärt der Hersteller Gerold. Unter anderem variiere der Drahtzug, mit dem der Draht beim Drehen gespannt wird. Die Ton-abnehmer haben zwei lange und kurze Seiten. Die Umlaufzeit einer Wickelmaschine bleibt für kurze und lange Seite dieselbe. Um die physikalischen Ge-gebenheiten auszugleichen, gilt: Der Drahtzug muss auf der kurzen Seite stärker sein, damit der Zug insge-samt konstant bleibt. Sonst sitzt der Draht zu locker an der kurzen, was zu Mikrofonie führen kann, und zu fest an der langen Seite. Der Mikrofonie kann man durch Wachsen entgegenwirken, zu fest sitzender Pickup-Draht kann allerdings reißen. Die Anpassung des Drahtzugs habe er gelöst, erzählt Gerold, und die exakte Reproduzierbarkeit seiner Tonabnehmer ge-währleistet. Im Detroit-Bass ist sein zweiteiliger P-

Tonabnehmer verbaut. Klassisch werden die beiden Spulen für das obere und untere Saitenpaar seriell verschaltet. Hier kommen beide Potis ins Spiel, die als Push/Pull aufgeführt sind: Mit gezogenem Ton-Poti können beide Tonabnehmer-Spulen für zusätzliche Klangvariation auch parallel verschaltet werden. Das Volume-Poti legt im gezogenen Zustand das Tonab-nehmersignal direkt auf die Ausgangsbuchse, ohne über die Klang- bzw. Lautstärkeregelung geführt zu werden. OptimierungenDer Hals ist bewusst nicht lackiert, sondern nur ge-wachst. Gerold wollte so wenig wie möglich Behand-lung am Hals. Die größte Schwingfläche der Saiten liegt unter dem Hals, nicht dem Korpus, da wollte er eine Einschränkung der Schwingungseigenschaf-ten durch Lackierung so gering wie möglich halten. Gerold sagt, er habe überlegt, was für eine gute Gi-tarre unentbehrlich ist – dazu gehören ein richtiger Knochensattel, vernünftige Elektronik. „Der Endpin ist nicht entscheidend.“ Als Korpus verwendet er für den Bass Erle, was im Fall des 1960er-Style P-Basses dem Vorbild entspricht – zudem bestehen laut Ge-rold bei Erle geringere Gewichtsschwankungen, ver-glichen mit Esche, was die gleichmäßige Fertigung erleichtert. Gerold selbst übernimmt die Bestückung der Bodys, die Gitarren werden indes von zwei Gi-tarrenbauern in Deutschland zusammengesetzt. Der Bass ist, wie das gesamte Gerold-Portfolio, in sieben Farben bestellbar, darunter klassische 50er und 60er Jahre Fender-Farben oder wie hier in Gold.

Dass er ein Gigbag statt einem Case mitliefert, ist laut Rainer Gerold dem Preis-Leistungs-Verhältnis geschuldet. Nachhaltige Modelle müsse man aus den USA beziehen, wenn man nachhaltige Modelle wolle. Asiatische Cases seien qualitativ problematisch, daher habe er sich für eine formversteifte Gigbag-Variante mit eigenem Design entschieden. Eine andere Über-legung: Gerold verzichtet auf eine Webseite, die ganz große Markt-Verbreitung. Er will selbst den Überblick behalten, statt die Stückzahlen hochzuschrauben.

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PraxisMit seinem leicht bespielbaren Medium-C-Halsprofil fühlt sich der Bass umgehend heimisch an. Trocken gespielt offenbart sich ein frei schwingendes Instru-ment ohne herausstechende Frequenzspitzen – alle Lagen funktionieren gleichmäßig, mit ausgeprägtem Sustain – eine gute Grundlage für einen gelungenen P-Style. Am Verstärker sind praktisch alle Grundlagen verfügbar, die der Basstyp vermuten lässt. Die nor-male serielle Humbucker-Schaltung klingt klassisch nach Preci. Weniger rau als ein Erle-Vergleichsbass mit Jason-Lollar-Tonabnehmer, vermittelt das Ge-rold-Testexemplar harmonischen Grundklang mit etwas offenerem Obertonbereich. Insgesamt liefert das Detroit-Modell die typisch „pluckende“ P-Bass-Ansprache, die im vorliegenden Fall gleichsam galant dargeboten wird. Die Klangfarbe eignet sich gleicher-maßen für delikates filigranes Fingerspiel wie zum Plektrum-Achteln.

Beim Bedienen der Klangregelung fällt auf, dass die Potis ungewöhnlich leicht drehen – manchem mag hier mehr Widerstand besser gefallen. Die Push-Pull-Funktion hingegen funktioniert auch haptisch ein-wandfrei. Werden die beiden Spulen mit gezogenem Ton-Poti parallel geschaltet, liefert das Instrument etwas reduzierte Ausgangsleistung, der leicht nasa-lere Ton erinnert entfernt an Jazz-Bass-Klangfarben, verbunden mit hellen Obertönen. Das Ergebnis klingt durchsichtiger als vorher, weniger ausgeprägt im Hochmittenbereich – das kann sich eignen, um beispielsweise Slap-Spielweisen oder generell Funk-Klangfarben präsenter zur Geltung zu bringen. Wie die serielle Schaltung, bleibt auch die parallele Vari-ante brummfrei.

Zurück zur üblichen Preci-Klangfarbe und dem Um-gehen der Klangregelung beim Ziehen des Volume-Potis: Durch die direkte Belegung des Tonabnehmers auf die Ausgangsbuchse ohne vermeintliche „Klang-schlucker“ erhöht sich die Ausgangsleistung leicht, der Bass klingt etwas kräftiger, zudem heller im Be-reich um 3 kHz. Der stärkere, klarere Klang verleiht dem Bass die Möglichkeit, die Muskeln spielen zu las-sen – das kann helfen, um übersteuerten Verstärkern oder Fuzz-Zerre deutlichere Präsenzen zu entlocken. Für herkömmliche Anwendungen klingt das Ergebnis allerdings beim Test gerade im DI-Betrieb etwas zu scharf, hier gefällt der normale leicht belegte, typisch „fleischige“ P-Bass-Sound besser – gerade, wenn es klanglich in Richtung Motown-Ästhetik gehen soll. Die Push-Pull-Funktion kann noch einem anderen Zweck dienen, wer es denn als Bassist jemals brau-chen sollte: Wird der Lautstärkeregler im „normalen“ Modus leicht zurückgedreht, vermittelt das Heraus-ziehen einen unmittelbaren Boost. FazitDer Ray Gerold Detroit Bass bietet ein Arbeitstier, auf dem spielerisch alles funktioniert, was ein guter Preci bieten sollte, samt gutem Preis-Leistungs-Ver-hältnis. Der Grundklang ist gelungen „typisch“, mit einem leichten Hang zum offenen, agilen statt kantig-erdigem P-Bass-Sound. Überhaupt: Das Gesamtpaket verspricht einen einwandfrei bespielbaren P-Style, das Testinstrument offenbart sich gar als Player, den die Konkurrenz in dem Preisbereich erst mal hinbekom-men muss. Ob man die zusätzlichen Klangoptionen tatsächlich benutzt, ist schon fast zweitrangig – dass die „Dreingaben“ gerade in einem passiven Bass-Paket enthalten sind, schadet nicht, um sie im passenden Kontext zur Hand zu haben.

Hersteller: Ray GeroldModell: #4 DetroitHerkunftsland: Deutschland (Pickups, Setup) Korea (Parts)Basstyp: passiv, 4-SaiterKorpus: ErleFarbe: GoldHals: Vogelaugenahorn, gewachstGriffbrett: PalisanderHalsform: modernes CBünde: 21 JumboRadius: 9,5 ZollMensur: 864 mm/34 Zoll (Longscale)Tonabnehmer: Ray Gerold Coil P-StyleRegler: 1x Volume (Push/Pull für serielle/parallele Schaltung der Pickups), 1x Tone (Push/Pull, legt das Tonabnehmer-signal direkt auf die Ausgangsbuchse)Bridge: Ray Gerold S-Type Vintage 70th

Mechaniken: Kluson DeluxeGewicht: 3,8 kgPreis: 1.449 EuroZubehör: GigbagGetestet mit: Ampeg B-15, DS Audioservice DILeihgabe: Gitarren Studio Neustadt www.gitarren-studio-neustadt.de

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