Einfuhrung in Die Geschichte

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Introduction to the Middle Ages in Germany

Transcript of Einfuhrung in Die Geschichte

  • C. H. BECK STUDIUM

  • HARTMUT BOOCKMANN

    Einfhrung in die Geschichte des Mittelalters

    VERLAG C. H. BECK MNCHEN

  • Mit 25 Abbildungen auf 16 Tafeln Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

    Boockmann, Hartmut: Einfhrung in die Geschichte des Mittelalters / Hartmut Boockmann. 5., durchges. Aufl. - Mnchen : Beck, 1992 (Beck Studium) ISBN 3 406 36677 5

    ISBN 3 406 36677 5

    Fnfte, durchgesehene Auflage. 1992 Umschlagentwurf: Bruno Schachtner, Dachau

    C.H.Becksche Verlagsbuchhandlung (Oscar Beck), Mnchen 1978 Gesamtherstellung: C.H.Becksche Buchdruckerei, Nrdlingen

    Gedruckt auf alterungsbestndigem (surefreiem) Papier gem der ANSI-Norm fr Bibliotheken

    Printed in Germany

  • Inhaltsverzeichnis

    I. Einleitung 7

    II. Mittelalter : Periodisierungsprobleme 13

    III. Zeitgliederung und Geschichtsverstndnis im Mittelalter 19

    IV. Die mittelalterliche Gesellschaft 24

    1. Die ltere Forschung 24

    2. Das frhe Mittelalter 27

    a). Anfnge des Adels 27 b) Vorgeschichte und Entstehung des Bauernstandes 31

    c) Zusammenfassung 34 3. Das hohe und das sptere Mittelalter 36

    a) Frstlicher Adel 36

    b) Territorialadel, Ministerialist, Rittertum 38 c) Die buerliche Bevlkerung 42

    d) Die stdtische Bevlkerung 46 V. Die mittelalterliche Wirtschaft 53

    1. Landwirtschaft, Siedlung,Ernhrung 53

    2. Gewerbe 60

    3. Handel 66

    4. Geld und Kredit am Ausgang des Mittelalters 71

    VI. Recht, Verfassung und Herrschaft im Mittelalter 75

    1. Recht und Knigtum bis zum 11. Jahrhundert 75

    2. Rechtswissenschaft und neues Recht im Hochmittel - alter

    85

    3. Die Territorien des hohen und spteren Mittelalters 99

    VII. Christentum und Kirche in der mittelalterlichen Welt 113

  • VIII. Hinweise auf Quellen und Literatur 129

    IX. Erluterungen zu den Tafeln 157

    Tafeln nach 160

  • ~ 7 ~

    I. Einleitung Die Studentin oder der Student, die heute mit dem Studium der mittel - alterlichen Geschichte beginnen, befinden sich nicht selten in einer milichen Lage. Auch wenn sie sich dem Geschichtsstudium aus freiem Entschlu zugewendet haben, sind sie oft doch nicht zugleich auch zum Studium der mittelalterlichen Geschichte entschlossen. Das Studium dieses Teils der Geschichte erscheint ihnen als eine v on Stu - dienempfehlungen und Prfungsordnungen aufgentigte unangeneh - me Pflicht. Wahrscheinlich hat ihnen weder ihr eigener Geschichtsun - terricht diese zehn Jahrhunderte nahegebracht, noch kann sie die gegenwrtige Diskussion um Studien - und Prfungsord nungen ani - mieren, sich so vergangenen Zeiten zuzuwenden, im Gegenteil. Wenn irgendwo, dann scheint die mit einem Wort aus der Sprache der Mll - abfuhr bezeichnete Lieblingsforderung von Bildungspolitikern und Kultusbeamten, wenn irgendwo, dann scheint da s Postulat einer Entrmpelung von Studieninhalten hier seinen Platz zu haben: bei der Notwendigkeit, sich mit Dingen zu befassen, die schon mehrere Jahr - hunderte zurckliegen. Die Sprache des Alltags gibt dem recht. Mit der Formel mittelalter - liche Zus tnde kann man schlechte Wohnverhltnisse, unzureichen - de Verkehrsbedingungen und Ungerechtigkeiten jeder Art ebenso kurz wie jedermann verstndlich kennzeichnen. Und es kommt, um das Ma der Unlust voll zu machen, noch ein praktischer Umstand hinzu: Vor das Studium der lteren Geschichte legt sich wie eine Barriere die lateinische Sprache. Auch wer bereit ist, wenigstens probe - weise guten Willen zu zeigen, wird oft genug in dem Augenblick verzweifeln, wo er auf der Universitt erfhrt, da er sein Schul latein reaktivieren oder gar mit dem Lernen dieser Sprache erst beginnen mu. Er wird sich dagegen wehren, Vokabeln zu lernen, statt zu studieren, zumal da ihm studentische Verlautbarungen sagen, da er damit nur am kritischen Denken gehindert werden soll, und ihm wahrscheinlich aus dem Kultusministerium seines Landes der Ruf erschallt, da der knftige Lehrer nicht mehr als zwei Fremdsprachen zu verstehen brauche. So laut sich studentische uerungen auch

  • ~ 8 ~

    gegen Studienzeitverkrzung und staatliche Reglem entierung von Stu - dieninhalten sonst zur Wehr setzen: in diesem Punkte ist die Einigkeit mit der sonst so gern beschimpften Kultusbrokratie gro. Gegen diese Eintracht anzureden, ist leicht und mhsam zugleich. Es ist leicht, weil die Grnde fr das Stu dium der lteren Zeit so offensichtlich sind. Selbst wenn der knftige Lehrer nur darauf vorbe - reitet werden sollte, Vergangenheit zu vermitteln, soweit sie auf die Gegenwart hinfhrt und die Gegenwart erklrt, mte er sich doch auch mit der lteren Zeit vertraut machen. Wie etwa sollte er sonst verstehen und erklren knnen, warum das polnisch -deutsche Ver - hltnis voller Probleme ist? Aber Geschichte ist nicht nur Vorgeschichte der Gegenwart, und der Lehrer sollte mehr tun knnen, als nur diese Vorgesc hichte zu unter - richten - vielerorts wird freilich gerade das angestrebt: teils in der Hoffnung, so zu einem Kurzstudium von sechs Semestern zu kom - men, teils wohl auch mit der Absicht, die Zukunft durch das Vergessen der Vergangenheit verfgbar zu machen. Der Geschichtslehrer sollte auch andere Sozialordnungen kennen - lernen als die des Industriezeitalters, und das Wissen von ihnen vermit - teln, und er sollte das auch deshalb, weil die berreste der lteren Lebensordnungen vielfach noch Teile unserer ei genen Existenz sind. Nicht nur die berreste im wrtlichen Sinne, nicht nur Kirche und Burgruine, stammen aus dem Mittelalter. Aus dem Mittelalter stam - men auch die Namen, die wir fhren, die Feste, die wir feiern, die meisten Straen, auf denen wir gehen . Warum gibt es so viele Neu - manns unter uns? Weil im hohen und spten Mittelalter umfngliche Wanderungs- und Siedlungsvorgnge stattfanden. Wo kommen die Schulzes und Vogts her? Aus jedem Dorf, das einen Richter und einen Beauftragten des Dorfherren hat te. Warum haben wir Jahrmrkte? Weil vor neun Jahrhunderten die meisten Menschen das, was sie konsumierten, selbst erzeugten, weil der Verkauf von Waren durch berufsmige Hndler eine Ausnahme war und nur selten, z. B. einmal jhrlich, als Jahrmarkt statt fand, der wegen seiner rechtlichen Veran - kerung auch ber die Zeiten, fr die er wirtschaftlich sinnvoll war, hinaus erhalten blieb. Das mag man nun wissen oder nicht - da man sich in seiner Umwelt hinreichend orientieren kann, auch wenn man das Wort Ja hrmarkt nicht zu erklren wei, soll nicht bestritten werden. Aber wenn man es wei, dann hat man auch schon gelernt, da Geschichte lang sein kann,

  • ~ 9 ~

    da unsere Umwelt aus Elementen besteht, die ein ganz unterschiedli - ches Alter haben. Wer das wei, kann die Mglichkeit und Wahr - scheinlichkeit von Vernderungen dieser Umwelt - mag er sie wn - schen oder auch befrchten - genauer abschtzen als derjenige, dessen geschichtliche Kenntnis kaum weiter zurckreicht als bis zum Beginn seines eigenen Lebens. Interessant - und erhellend fr die Orientierung in der eigenen Gegenwart - wird Geschichte erst dann, wenn man gelernt hat, da sie kein einheitlicher Proze ist, sondern eine Summe von Prozessen, die ihre je eigene, im Verlauf der Zeit auch wechselnde Gesc hwindigkeit haben. Politische Ordnungen, Staatsformen ndern sich heute offensicht - lich schneller als vor fnfhundert Jahren. Die kleinste Ordnung des Lebens, die der Familie, hat sich dagegen in den letzten 150 Jahren nur wenig gendert im Vergleich mit den nderungen, die zu Beginn des Industriezeitalters festzustellen sind, ganz zu schweigen von tiefgrei - fenden nderungen der Familienstrukturen, die sich vor neunhundert oder tausend Jahren vollzogen haben. Solche Erwgungen liegen so auf der Hand, da es, wie schon gesagt, auch etwas mhsam ist, sie noch einmal vorzubringen, wenngleich nicht so mhsam wie die Antwort auf die Frage nach dem Latein. Es ist gewissermaen das Unglck der Geschichtswissenschaft, da die Ge - meingefhrlichkeit des Mediziner s ohne anatomische Kenntnisse so viel leichter erkennbar ist als die des Historikers oder auch Geschichts - lehrers, der nicht imstande ist, die Dokumente, denen er etwas entneh - men soll, zu lesen. Aber die ltere Geschichte bietet dem Studienanfnger am Ende nicht nur Enttuschungen. Sie ist nicht nur schwer, sondern auch leicht. Sie ist leicht deshalb, weil sie es als eine schon alte und etablierte Wissenschaft nicht ntig hat, sich und ihrem Gegenstand durch eine knstliche Fachsprache die Aura der Wiss enschaftlichkeit zu geben. Sie bedient sich im allgemeinen der Alltagssprache - die verbale Droh - gebrde ist den meisten Historikern fremd. So wichtig ihnen das Lateinische ist: in der Verwendung von Fachworten, die aus dieser Sprache und aus dem Griechis chen abgeleitet werden, sind sie weitaus sparsamer als die Vertreter der Gegenwartswissenschaften. Der Anfnger kommt in diesem Fach verhltnismig schnell dort - hin, wo es nicht um gesicherte Gegebenheiten, sondern um offene Fragen geht. Er braucht nich t erst jahrelang Elementarwissen zu pau -

  • ~ 10 ~

    ken, um den Status des Fortgeschrittenen zu erreichen. Wenn er an seinem Fach wirklich interessiert ist und nicht meint, da die Arbeits - woche des Studenten nur vierzig Stunden umfasse, dann kann er fortgeschritten schon am Ende des ersten Semesters sein. Freilich auch das Interesse kommt nicht von allein, und selbst wenn es schon auf die Universitt mitgebracht wird, bedarf es der Ermuti - gung. Der Studienanfnger hat ein Recht darauf, sein Studiengebiet bzw. Teile davon vorgestellt zu bekommen. Eine solche Vorstellung soll im folgenden geschehen. Dieses Buch ist, wie der Titel der Serie sagt, ein Elementarbuch. Es mchte dem Studienanfnger zeigen, ber welche Problem