Effekte der gesteigerten Therapietreue

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    11-Jan-2017
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Transcript of Effekte der gesteigerten Therapietreue

  • Peter BehnerAb KlinkSander VisserJan BckenStefan Etgeton

    Effekte einer gesteigerten Therapietreue: Bessere Gesundheit und hhere Arbeitsproduktivitt durch nachhaltige nderung des Patientenverhaltens

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    ZUSAMMENFASSUNG

    Fr jeden Patienten, der mit einer ernsten Diagnose konfrontiert wird, ist die Therapie-Umsetzung ein kritischer Aspekt der Genesung und der weiteren Prvention die praktische und stringente Anwendung aller medizinischen Manahmen, die Arzt und Patient als notwendig vereinbart haben. Dies wird als Therapietreue (engl. Adherence) bezeichnet. Die spezifischen Verhaltensweisen der Einhaltung ob nun ein Patient seine Lebensweise mit Dit oder sportlicher Bettigung ndern muss, seine Medikamente termingerecht einnimmt, alle empfohlenen Behandlungsarten durchfhrt, auf Vern de rungen der Symptome achtet scheint zunchst einmal Privatsache des Be trof-fe nen zu sein. Therapietreue hat jedoch weitreichendere Auswirkungen: Sie senkt Gesundheitskosten, die mit Komplikationen und dem Fortschreiten der Erkrankung verbunden sind und erhht letztendlich die Arbeitsproduktivitt. Es mag berraschen, doch der Verlust der Arbeitsproduktivitt aufgrund chronischer Krankheiten kostet die Gesellschaft mindestens so viel wie die direkt mit der Krankheit verbundenen medizinischen Aufwendungen und Leistungsausgaben.

    Die vorliegende Studie beschreibt eine von Booz & Company und der Bertelsmann Stiftung durchgefhrte Analyse des direkten Nutzens einer bewussteren Einhaltung medizinischer Therapien fr den Patienten sowie mittelbar dessen Arbeitsproduktivi tt. Dabei wurde auf Datenmaterial von fnf ausgewhlten chronischen Krankheiten in Deutschland, Grobritannien und den Niederlanden zurckgegriffen. Diese Er kran kun gen Hypertonie (Bluthochdruck), Asthma/chronisches unspezifisches re spira torisches Syndrom (COPD), chronische Rckenschmerzen, Depression und Gelenkrheumatismus fhren jhrlich wiederkehrend zu einem enormen volkswirt-schaftlichen Schaden. Dieser liegt in Deutschland zwischen 38 und 75 Milliarden Euro, in Grobritannien zwischen 28 und 50 Milliarden Euro und in den Niederlanden zwischen neun und 13 Milliarden Euro. Produktivittsverluste wurden unter Einbezug von Einschrnkungen durch Abwesenheit, Prsentismus (Anwesenheit mit einge-schrnkter Arbeitsfhigkeit) und Arbeitsunfhigkeit hochgerechnet.

    Anstze zur Verbesserung der Therapietreue sind in ihrer Umsetzung aufwndig, den-noch sind nicht wenige davon punktuell und auf das spezifische Einzelsetting bezogen erfolgreich. Wrden diese groflchiger und stringenter umgesetzt, knnten sie enorme Nutzenpotenziale freisetzen, wie wissenschaftliche Untersuchungen und Statistiken, auf die sich diese Studie bezieht, belegen. Produktivittsverbesserungen wren insbesondere in jenen Wirtschaftszweigen und -regionen angezeigt, wo der demographische Wandel in den nchsten zehn Jahren unabwendbar zu einem Mangel an Fach- und Arbeitskrften fhren wird. Produktivittssteigerungen in einer Bandbreite von 10 bis 20 Milliarden Euro in Deutschland, acht bis 19 Milliarden Euro in Grobritannien und zwei bis vier Milliarden in den Niederlanden sind nach ExpertenMeinung mittelfristig realisier-bar. Die Ergebnisse legen ebenfalls nahe, dass Therapietreue auch fr andere Lnder und andere chronische Krankheitsbilder von zentraler Bedeutung ist. Angesichts der Flle an Interventionsmglichkeiten wrden die hier beleuchteten Effekte und deren Grenordnung sogar eher konservativ bewertet.

    Vier Strategien tragen vornehmlich dazu bei, bestehende Barrieren abzubauen und die Etablierung von Praktiken zur verbesserten Therapietreue sicherzustellen:

    Schaffung und Einsatz von Anreizen fr rzte, Pflegepersonal und Patienten, den Aspekt der Therapietreue in den Behandlungsplnen fest zu integrieren, wobei der Fokus auf Qualitt statt auf Quantitt zu legen ist.

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    Ausbau der aktiven Beteiligung und Rolle von Arbeitgebern, Kostentrgern und Krankenversicherungen im Kontext der Therapietreue, wobei Gesundheitssicherung und Produktivittszuwachs aufeinander auszurichten sind.

    Erkundung und Etablierung neuer Geschfts und Servicemodelle im Gesundheitswesen, die besser geeignet sind, Therapietreue unter Einbezug aller Beteiligten zu etablieren.

    Neuausrichtung der Versorgungsforschung, um Effekte durch Therapietreue wissenschafts und evidenzbasiert zu messen, von Best Practices zu profitieren und Anreiz-Modelle zu optimieren.

    CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN

    Menschen in rztlicher Behandlung finden es allzu oft herausfordernd, die mit ihren rzten getroffenen Vereinbarungen zu beachten und die erforderlichen Anpassungen ihrer Gewohnheiten auch umzusetzen. Die Empfehlungen eines Arztes einzuhalten wird vom Patienten nicht selten als strend und einschrnkend wahrgenommen. Obwohl die Nicht-Einhaltung rztlicher Empfehlungen ein universelles Problem darstellt, vari-ieren die Grnde dafr je nach Patient und Erkrankung in hohem Mae. Therapien knnen sich strend auf Arbeits- und Privatleben auswirken und sie knnen unbequem und schwierig in den Lebensalltag einzuplanen sein. Medizinische Anordnungen und Erfordernisse knnen schwer verstndlich oder schwer im Gedchtnis zu behalten sein und Patienten knnen auch einfach nur durch ihr individuelles Umfeld abgelenkt werden. Die Behandlung selbst kann unangenehm, anstrengend oder mit Nebenwirkungen ver-bunden sein. Patienten knnen zudem im Falle einer Einbeziehung mehrerer Spezialisten widersprchliche medizinische Ratschlge erhalten oder werden durch frei verfgbare Informationen etwa aus dem Internet oder dem persnlichen Umfeld verunsichert. Eine Therapie entsprechend in Frage zu stellen, ohne diese Bedenken notwendigerweise

    Highlights

    Adherence-Strategien verbessern nicht nur die Patienten-Gesundheit, sondern erzielen auch Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen und beim Produktivittszuwachs in der Wirtschaftssphre. Siehe Seite 5.

    Die Analyse fr Deutschland, Grobritannien und die Niederlande zeigt, dass die fnf von uns untersuchten chronischen Erkrankungen zu hohen Produktivittsverlusten fhren. Siehe Seite 9.

    Es wurden Statistiken und Ergebnisse wissenschaftlicher Studien einbezogen, um eine Makro-Sicht der Produktivittsgewinne abzuleiten, die durch Therapie-Einhaltungsstrategien realisiert werden knnen. Siehe Seite 11.

    Patienten, Arbeitgeber, staatliche Stellen und Kostentrger knnen in erheblichem Ma von Therapietreue profitieren, doch diejenigen mit dem grten Einfluss auf Verbesserungen Leistungserbringer und Dienstleister im Gesundheitswesen haben wenig Grnde, etwas zu verndern. Siehe Seite 15.

    Vier Strategien knnen dazu beitragen, die Institutionalisierung von Praktiken zu beschleunigen und zu frdern, die zu einer verbesserten Therapietreue fhren. Siehe Seite 16.

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    direkt mit dem Arzt zu errtern stellt mithin eine der hufigsten Ursachen fr einge-schrnkte Therapietreue dar. Und schlielich, da der Nutzen der Therapie-Einhaltung erst im Zeitverlauf sichtbar wird, ist es nur nachvollziehbar, dass essentielle Verhaltensweisen schleichend eingestellt oder einige Bestandteile der Therapie schleifen gelassen werden. Das gesamte Ursachenspektrum fhrt mithin zu unzureichender oder unsachgemer Medikamenten-Einnahme, zu Behandlungsabbruch oder zur Aufgabe eines angepassten, gesnderen Lebensstils.

    Eingeschrnkte Therapietreue fhrt in Konsequenz und aufgrund eines weiteren Fort-schreitens oder einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes zur nachhaltigen Minderung der Lebensqualitt. Darber hinaus hat die Nichtbeachtung eines mit dem Arzt vereinbarten Therapieplans tiefgreifende Auswirkungen auf das Gesundheitswesen und die Gesellschaft per se, da sie zu Hemmnissen und Zusatzaufwand auf allen Ebenen des Gesundheitssystems fhren und so die Leistungsausgaben dauerhaft aufblhen. Dennoch scheinen etablierte Gesundheitssysteme wenig Anlass zu geben, um die skizzier-ten Hrden einer breiter umzusetzenden Therapietreue zu beseitigen. Zeiten wirtschaftlicher Prosperitt, die mit sprbaren positiven Effekten auf die Sozial- systeme einhergehen, wren dazu geeignet, entsprechende Weichenstellungen und In vestitionen in die Wege zu leiten. Die Babyboomer-Generation erreicht die Renten-altersgrenze. Die Folgen zeichnen sich bereits heute ab die Arbeitsmarktlage verschrft sich und Lohnkostensteigerungen sind absehbar. Das Durchschnittsalter der Bevlkerung steigt sowohl in Industrie- als auch in Schwellenlndern. Chronische, altersbedingte Krankheiten werden zunehmend indiziert, die Einhaltung von Therapien ist gerade bei diesen Erkrankungen von besonderer Bedeutung.

    Fr die Bevlkerung im arbeitsfhigen Alter ist Therapietreue ebenso relevant. Die Folgen werden angesichts der Hufung chronischer Erkrankungen in frhen Lebens-abschnitten und angesichts der Tatsache, dass Menschen spter in Rente gehen, noch erhht. Pro-aktive Behandlungsanstze ermglichen vielen chronisch erkrankten Menschen, weiterhin einer geregelten Arbeit nachzugehen oder nach einer Phase der Rehabilitation wieder in den Arbeitsprozess zurckzukehren. Die Einhaltung medizi-nischer Therapie-Empfehlungen erhht und erhlt das Wohlbefinden dieser Gruppe. Zusammenfassend lassen all die skizzierten Effekte und Faktoren keinen anderen Schluss zu, als sich dieses dringenden Themas anzunehmen.

    Verbesserte Therapietreue wird oft mit besseren, auf den einzelnen Patienten bezogenen Therapie-Ergebnissen assoziiert. Breiter greifende Adherence-Strategien erzielen ent-sprechend signifikante Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen, mit mittelbaren positi ven Effekten auf die Wirtschaft. Beispielhaft und transparent nachweisbar ist dieser Wirkungsmechanismus bei durch Therapietreue gesenkten stationren (Wieder-) Einweisungsraten, die sich zunchst direkt auf die allgemeinen Leistungsausgaben aus-wirken. Die Kosten verlorener A