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  • Betrachtungen zu Odo Marquards

    Kompensationsbegriff / Aesthetica und Anaesthetica

    Seminararbeit

    Bertl Mütter

    Gleinker Gasse 30, 4400 Steyr

    bertl@muetter.at

    Matr.-Nr. 8310528

    4. Semester des Studienganges Dr. artium

    „Kunsttheorie / Ästhetik der Gegenwart” (LV-Nr. 14.0037) – WS 2011/12

    Univ.Prof. Dr. Andreas Dorschel

    Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz, Institut 14 Musikästhetik

    18. März 2012

    [mit wenigen Ergänzungen versehen am 4. April 2012]

  • Inhaltsverzeichnis

    1. Einleitung …………………………………………………………………... 2

    2. Odo Marquard ………………………………………………………………. 3

    3. Kompensation ……………………………………………………………… 4

    4. Aesthetica und Anaesthetica ……………………………………………….. 9

    5. Schlussbemerkung …………………………………………………………. 12

    6. Quellenangabe ………………………………………………………………. 13

    Marquardschwert (Marquard I. von Randeck, 1365-81 Patriarch von Aquileia) Cividale des Friuli, Museo diocesano cristiano e del tesoro del duomo di Cividale del Friuli

    Foto: Bertl Mütter, 27.3.2012

    – 1 –

  • „Pflicht oder Neigung – wem soll der Mensch folgen?”

    Geh von persönlichen Beispielen aus.

    Fülle nicht mehr als zweihundert Seiten

    und nicht unter zehn. Zehn Seiten sind Pflicht.

    Robert Gernhardt, Deutscher Aufsatz1

    1. Einleitung

    Da nun zur Aufgabe steht, als Abschluss des Seminars zu Texten der gegen-

    wärtigen Ästhetik eine Arbeit über einen der in der Literaturliste angegebenen

    Bände zu verfassen2, will ich gleich vorweg gestehen, dass ich meine Auswahl

    ohne alle sorgfältige Recherche rein nach dem Titel des Buches getroffen und

    mich dann ins Werk des Autors weiter vertieft habe. Zu Materialien für meine

    Kompositionen und konzeptuellen Arbeiten komme ich in der Regel auf ver-

    gleichbar chaotischem Wege: Es gibt eine Thematik, über die künstlerisch-ver-

    dichtend gearbeitet werden will, und ich stelle mein Radar gewissermaßen auf

    Empfang. Um eine Formulierung von der Homepage des Ensembles Mnozil

    Brass zu zitieren: „kein ton ist uns zu hoch, keine lippe zu heiss und keine mu-

    sik zu minder.”3 Das bedeutet in meinem Fall: Was auch immer irgendetwas mit

    dem entstehenden Werk zu tun haben könnte, wird wahrgenommen und in

    meinem (realen gleichwie imaginären) Zettelkasten abgelegt. Die Erfahrung mit

    dieser intuitiven Methode (ich nenne sie eine Methode und bin mir der Prekari-

    tät dieser Behauptung im wissenschaftlichen Kontext einigermaßen bewusst)

    – 2 –

    1 Gernhardt, Robert: Körper in Cafés – VII Kunst (1987), in: Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte, 1954–2006. Frankfurt 2010, S. 257f.

    2 Der verspäteten Abgabe stehen durchaus ansehnliche Prokrastinationsfrüchte gegenüber: Neben den idealtypisch als dringlich erkannten Umbau- und Reinigungsarbeiten im Haushalt waren das die ausführliche Lektüre auch abschweifender Sekundär- und Tertiärliteratur; die (immer asymptotische) Ergänzung und Neuordnung meiner Internetpräsenz; posaunistische Studien, auch in weiteren bemerkenswerten Kirchenräumen Oberösterreichs (u.a. Linz, St. The- resia und Steyr, Resthof); Entwicklungsdialoge mit meinem Instrumentenbauer (die leider noch unfertige, für mich jedoch ohnehin völlig neue Basstrompete); Recherchen Über die Dummheit (u.a. Erasmus v. Rotterdam, Gustave Flaubert, Robert Musil, Matthijs van Boxsel) für eine Komposition für zwei Bajane; Auf-die-Schiene-Setzen meines Soloprojekts sostenuto (ein heim- liches Monumentalkonzert zum Spätwerk Morton Feldmans, mit Seitenblicken auf Bachs Cello- suite d-moll, BWV 1008, Beethovens Sonata quasi una fantasia, op. 27/2, Schuberts Streich- quintett C-Dur, D 956 und Schostakowitschs Violasonate, op. 147); Studienadministratives; und, nicht zuletzt: körperliche Ertüchtigung – derart, dass ich bei Abgabe dieser Arbeit nur mehr zu etwa 90% vorhanden bin, jedoch bzw. gerade deshalb agiler und neugieriger denn je.

    3 http://mnozilbrass.at/die_band.html [17.3.2012]

  • hat gezeigt, dass sich die Dinge – unter meiner ordnenden Hand (aber auch an

    ihr vorbei sich schummelnd) – den ihnen zukommenden Platz finden.

    2. Odo Marquard

    Wenn mir sein Name auch bislang unbekannt war, so darf ich zufrieden feststel-

    len, dass diese intuitive Wahl ein meinen Horizont erfreulich bereichernder Voll-

    treffer war. Zuallererst hat mich der sprachspielerische Titel (der natürlich mit

    der zentralen Ästhetik-Thematik zu tun hat und inhaltlich anzustreben war) an-

    gezogen: Wer eine Aufsatzsammlung mit einem (ernsthaften) Augenzwinkern

    benennt, hat bereits vorweg meine Sympathie gewonnen. Im Lesen der Texte

    konnte ich dann zudem etliches Anregendes finden, und das ist denn auch der

    Grund für meine Wahl.

    Geboren wurde Odo Marquard 1928 in Kolberg, Hinterpommern. (Die folgenden

    Zitate sind seiner launigen „Selbstvorstellung”4 entnommen.) „1940 kam ich –

    ich erwähne das, um es nicht nicht zu erwähnen – auf ein Naziinternat, eine A-

    dolf-Hitler-Schule, war schließlich Luftwaffenhelfer und beim Volkssturm; im Au-

    gust 1945 mit siebzehn hatte ich meine Kriegsgefangenschaft schon hinter

    mir.”5 Er entschied sich, seinen Neigungen (Architektur, Malerei) widerstehend,

    Philosophie (weiters: Germanistik und Theologie) zu studieren, in Münster (Jo-

    achim Ritter) und Freiburg (Max Müller), habilitierte sich 1963 in Münster und

    war dort zwei Jahre lang Privatdozent („mein Lebensziel” – fügt er augenzwin-

    kernd hinzu), bevor er 1965 nach Gießen berufen wurde, wo er 1993 emeritiert

    wurde. 1995 ernannte ihn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zu

    ihrem ordentlichen Mitglied. Weitere Ehrungen (u.a.): Ehrendoktor (Uni Jena,

    1994), Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (1996), Cicero-Rednerpreis

    (1998), Großes Bundesverdienstkreuz (2008).

    – 3 –

    4 „… als neues Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 20.10.1995 in Darmstadt” in: Marquard, Odo: Philosophie des Stattdessen. Stuttgart 2000, S. 8f.

    5 Das demonstrative Nichtauslassen dieses frühen Teils seiner Biographie (für den er naturge- mäß nicht verantwortlich zu machen sein kann) unterstreicht seine Lauterkeit, den Dingen so wie sie nun mal sind ins Auge zu sehen. Für M. resultiert aus den in seiner frühen Jugend ge- machten Erfahrungen seine grundlegende Skepsis: „Mein Mahnsatz (…) war zunächst: ,ich’ kann mich irren.”

  • Über sich selbst berichtet Odo Marquard in seiner erfrischenden „Selbstvorstel-

    lung”, ein Vielschläfer zu sein, weiters „(…) immer noch fallen mir Denken und

    Schreiben schwer; aber es lohnte sich nicht, wenn das anders wäre.” Nun, ist

    seinen Texten auch ein mild-ironischer Ton eigen, so erfordern sie jedenfalls

    höchste Konzentration, denn Marquard versteht es, in der von ihm bevorzugten

    Form des kurzen Aufsatzes, Gedankengänge und Sachverhalte recht dicht zu

    verpacken6.

    3. Kompensation

    Eng mit Marquards Biographie verbunden steht sein Kompensationsbegriff:

    Was uns fehlt, seien es Defizite oder Mängel, ergänzen bzw. kompensieren wir

    nicht primär durch direkte Aktionen, sondern durch umweghafte Reaktionen.7

    Diesem kompensatorischen Re-Agieren schreibt Marquard jedoch nur Linde-

    rung, nicht aber die Heilung von aus diesen Defiziten resultierenden schadhaf-

    ten Beeinträchtigungen zu.

    Was also nützt das alles?, fällt mir sogleich die erste Szene von Wagners Parsi-

    fal ein: „Toren wir, auf Lindrung da zu hoffen, wo einzig Heilung lindert!”8 – Im

    Gegensatz zum bedauernswerten (gleichwie vor Verachtung über sein Sich-

    Gehen-Lassen nicht zu verschonenden) Amfortas brauchen bzw. können wir

    gar nicht Jahrzehnte auf die Rückkehr irgend eines Heiligen Speers warten,

    sondern wir müssen uns eben (nolens volens?) mit allerlei mehr oder weniger

    tauglichen Linderungen zufrieden geben – auf mehr zu hoffen, es wäre vermes-

    sen und letztlich nicht den (irdischen, materiellen) Bedingungen entsprechend.

    Dem sich dreingebend gewinnt Marquard dieser Verfasstheit stets eine ver-

    schmitzte Heiterkeit ab, eine Grundhaltung, die mich im Lesen und (etwas lang-

    sameren) Mitdenken nach und nach wohliger durchströmt hat: Das hat etwas

    grundlegend Mutmachendes.

    In seinem Vortrag „Kompensationstüchtigkeit. Überlegungen zur Unterneh-

    – 4 –

    6 verpacken, da ist mir eine Worthülse passiert; eig. (Kraus…): verkörpern (ist auch plastischer)

    7 Seinen Kompensationsbegriff (konzentrisch; spiralartig) einkreisende Aufsätze finden sich be- sonders in: Marquard, Odo: Philosophie des Stattdessen. Studien. Stuttgart 2000.

    8 Wagner, Richard: Parsifal. Ein Bühnenweihfestspiel. Textbuch mit Varianten der Partitur, Hg. v. Eugen Voss. Stuttgart 2005, S. 8.

  • mensführung im Jahr 2005”9 erläutert er seinen Begriff der Kompensation als

    „Ausgleich von Mangellagen durch ersetzende oder wiederkehrende