Amerikanischer Pragmatismus entdeckt japanisches Zazen. Zu ... forum 67. Franz Gmainer-Pranzl....

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Nr.

29 (2

013)

Gefrdert durch den Magistrat der stadt Wien

n a t u r

Mit Beitrgen von Arnold Berleant, Chigbo Joseph Ekwealo, ursula baatz, ursula taborsky, Karnina Kollmar-

Paulenz , Franz Gmainer-Pranzl und anderen

polylogzeitschrift fr interkulturelles philosophieren

ISSN

1560

-632

5 I

SBN

978

-3-9

0198

9-27

-8

15, 292013

fmwTextfeldSONDERDRUCK

forum67Franz Gmainer-Pranzl

Verstndigung Anerkennung IdentittZur kommunikationstheoretischen Rekonstruktion von Kultur bei Jrgen Habermas

85Rezensionen & Tipps

128IMPRESSUM

129polylog bestellen

5Arnold Berleant

Die sthetische Umweltpolitik

21Chigbo Joseph Ekwealo

Ndu mmili, ndu azuLeben und leben lassen:

eine afrikanische Umweltethik

37ursula baatz

Buddhas Naturkologiebewegung und Buddhismus

51ursula taborsky

Grne Orte des Polylogs

59Karnina Kollmar-Paulenz

im Gesprch mit Ursula Baatz:

konomisierung und Tradition Haben mongolische Schamanen ein

Verstndnis fr Natur?

n a t u r

& medien

polylog 29Seite 99

Richard Shusterman:

KrperBewusstsein. Fr eine

Philosophie der Somsthetik

Hamburg: Meiner, 2012, ISBN

978-3-7873-2170-4

Mdlina Diaconu

Amerikanischer Pragmatismus entdeckt japanisches Zazen

zu: Richard Shusterman: KrperBewusstsein. Fr eine Philosophie der Somsthetik

Richard Shusterman, Professor an der Florida Atlantic University, ist mit seinem Entwurf einer Somsthetik wohl eine der interes-santesten Gestalten der zeitgenssischen s-thetik und Krperphilosophie. Philosophisch

geschult im Pragmatismus, aber auch in der kontinentalen Philosophie (er bezeichnet sich zuweilen als Phnomenologe, steht aber der Phnomenologie stricto sensu kritisch gegen-ber), ist er zudem ein ausgebildeter Trainer

bcher

polylog 29Seite 100

Diese Disziplin [der Somsthe-

tik] widmet sich der kritischen

Erforschung und der verbes-

sernden Kultivierung der Art

und Weise, wie wir Erfahrungen

machen und den lebendigen

Krper (oder das Soma) als

Ort sinnlicher Werschtzung

(Aisthesis) und der kreativen

Selbsterschaffung verwenden.

Shusterman, S. 27

der Feldenkrais-Methode, nachdem er frher auch Erfahrungen mit der Alexander-Technik gemacht hatte. Seine bekannte Offenheit fr Grenzphnomene der sthetik und fr die Pop-Kultur geht Hand in Hand mit einem ebenso groen Interesse fr nicht westliche Denk- und Kunsttraditionen. Seine 20022003 in Japan erfolgte Ausbildung in Zen-Me-ditation unter dem Zen-Meister Roshi Inoue Kido, auf die er sich gerne in Publikationen und Vortrgen beruft (hier z.B. auf S. 22), hin-terlie auch in seinem jngsten Buch Krper-Bewusstsein Spuren.

Unter diesem Titel bersetzte Heidi Sala-verra, die bereits mehrere Bcher Shuster-mans ins Deutsche bertragen hat, das 2008 bei Cambridge University Press verffent-lichte Buch. Zur deutschen Ausgabe ver-fasste Shusterman ein zweites Vorwort; hier antwortet er auf kritische Rezensionen im deutschen Sprachraum, wirft einen Blick auf seinen bisherigen Denkweg und geht auf terminologische Fragen in den franzsischen und deutschen bersetzungen ein (z.B. auf den Unterschied zwischen soma und dem phnomenologischen Leib, zwischen awa-reness und Bewusstsein usw.). Die Bedeu-tung, die der Autor der vorliegenden berset-zung beimisst, lsst sich in aller Klarheit auf der zweiten Seite des Buchs nachlesen: [] dieses Buch legt am umfassendsten Rechen-schaft ab von meiner Forschung auf diesem Gebiet [der Somsthetik], das sich aus meinen frheren Studien zu pragmatistischer Philoso-phie, sthetik und der Philosophie als Leben-spraxis entwickelt hat. (10) Das Projekt der

Somsthetik, zu dem Shusterman seit mehr als zehn Jahren arbeitet, richtet sich gegen die Krperfeindlichkeit in der (Geschichte der) westlichen Philosophie und pldiert fr die Aufwertung des Krpers im Rahmen des ethischen Projekts der Stilisierung des Selbst (10f.) Daher ist es fr Shusterman ein ziem-liches Missverstndnis der Kritiker, die Som-sthetik als einen zeitgenssischen, eventuell postmodernen, allenfalls oberflchlichen und unkritischen Hedonismus abzutun. Fr Shu-stermans Argumentation, dass die Somsthe-tik auch meditative, kognitive und ethische Aspekte enthlt, ist gerade der Bezug auf fern-stliche Weisheitslehren und Meditations-praktiken wesentlich. Diesen wird allerdings kein separates Kapitel gewidmet, sondern sie werden in alle Kapitel eingeflochten.

Der Band ist in sechs Kapitel gegliedert, die jeweils einen Denker, und das heit zugleich je eine der groen philosophischen Traditionen des Westens, untersuchen: Michel Foucault (Poststrukturalismus), Maurice Merleau-Ponty (Phnomenologie), Simone de Beauvoir (Feminismus), Ludwig Wittgenstein (analy-tische Philosophie), William James und John Dewey (Pragmatismus). Die nach der Lektre der Einleitung entstandene Erwartung, damit etwas Systematisches ber die Somsthetik zu erfahren, geht leider bis zum Ende des Buchs nicht in Erfllung; die meisten Ausfhrungen darber sind in der Einleitung, im ersten Teil des Kapitels zu Foucault und auf den letzten Seiten des Bandes zu finden.

Was versteht nun Shusterman unter So-msthetik und wie lsst sich (gerade in einer

& medien

polylog 29Seite 101

Viel verdanke ich auch anderen

Disziplinen, die ein erhhtes

somatisches Bewusstsein und

einen Einklang von Krper und

Geist befrdern: von Yoga und

Tai Chi ber Zen-Meditation bis

zur Alexander-Technik.

Shusterman, S. 35

vom Pragmatismus geleiteten Auffassung) ihre Ntzlichkeit argumentieren? Die Som-sthetik wird u.a. als kritische und meliora-tive Erforschung der eigenen Erfahrungen und des Gebrauchs des eigenen Krpers als eines Ortes sinnlich-sthetischer Wertschtzung (Aisthesis) und kreativer Selbsterschaffung (49) beschrieben. Ihr praktischer Zweck ist ein verbesserter Selbstgebrauch (33), haupt-schlich durch die Kontrolle des eigenen Kr-pers und die bewusste Korrektur der schlech-ten Gewohnheiten (z.B. beim Sitzen, Gehen oder bei der Durchfhrung von Handlungen). Damit nimmt Shusterman das zentrale An-liegen von Philosophie (50) wieder auf: die Selbsterkenntnis, die grtenteils auf Infor-mationen, die von den Sinnen stammen, be-ruht und die ihrerseits das richtige Handeln ermglicht. Die Somsthetik wird des Wei-teren als interdisziplinres Forschungsfeld gekennzeichnet, die drei Grundbereiche um-fasst (54ff.): 1. Die analytische Somsthetik ist vorrangig deskriptiv und theoretisch; sie beschreibt Wahrnehmungen und Praktiken und erklrt ihre Funktion fr die Erkenntnis. Auch die Genealogie der Praktiken im Sinne Foucaults ist in dieses Themenfeld integrier-bar. 2. Die pragmatistische Somsthetik ist hauptschlich normativ und prskriptiv und prft die Methoden somatischer Verbesserung zum Zweck ihres optimalen Einsatzes. Diese Methoden werden nach unterschiedlichen Kriterien klassifiziert, etwa als holistische und atomistische Praktiken, als Methoden, die auf die eigene Person angewendet werden oder auf andere Menschen gerichtet sind, als

darstellungsbezogen (wenn sie sich auf das Aussehen beschrnken, wie etwa die Kosme-tik), erfahrungsbezogen (z.B. Yoga) oder vollzugsbezogen oder performativ (wenn sie die Krperkraft oder die Gesundheit ver-bessern sollen). 3. Die praktische Somsthetik geht ber die theoretische Inventur der vor-handenen Praktiken hinaus, um sie im eige-nen Leben konkret anzuwenden. Dabei wird dieser Schritt vom Denken zum Tun nicht nur von den spezifischen Kulturtraditionen beein-flusst (d.h. im Westen eher gehemmt im Un-terschied zu Asien), sondern auch vom politi-schen Kontext; rassistischen Vorurteilen und sexistischen Denkmustern wird in der Soms-thetik kein Platz eingerumt (und auch etwa bei William James nicht entschuldigt).

Auch Foucault steht laut Shusterman letzt-lich unter der Last des westlichen Krper-verstndnisses, insofern er keine Sensibilitt fr die Kultivierung jener somatischen Lste zeigt, die nicht auf Intensitt beruhen und nicht in der Sexualitt verankert sind, d.h. fr eine ganze Palette feiner Gensse im Alltag, wie etwa wohltuendere Weisen des Atmens, des Sitzens, Liegens, Dehnens, Gehens und des Essens ebenso wie fr bestimmte Sport-arten, die die krperliche Gegenwrtigkeit steigern (69). In dieser Hinsicht so Shuster-man weiter ist von den Yogis zu lernen, die ihre Lust nicht durch die Steigerung der Wahrnehmung, sondern vielmehr durch Er-fahrungen der Leere intensivieren. Foucaults Bedrfnis nach Hyperstimulation ist daher eigentlich ein Symptom der Anhedonie un-serer Kultur (74).

bcher

polylog 29Seite 102

Traumhafte Erfahrungsinten-

sitten knnen so im tglichen

Leben erreicht werden, ohne

gewaltsame Manahmen der

Sinnessteigerung zu verlangen,

die uns und andere gefhrden.

Shusterman, S. 285

Anders spiegelt die Philosophie von William James die Gesellschaft seiner Zeit wider, vor allem durch seine puritanische Lebenshaltung. Die Analyse Shustermans zeigt nicht nur die Widersprche von James Krperauffassung auf, sondern kritisiert auch dessen oberflch-liche Beurteilung von Yoga, die James fr nichts anderes als eine methodische Eigensuggestion hlt (James, vgl. S. 233) sei. Nicht nur Yoga, son-dern auch Zazen und andere Krpertechniken widerlegen James Lehre vom freien Willen und von der