09 Benn, Morgue

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    GEDICHTZYKLEN VORLESUNGPDMAG.DR.MARTIN NEUBAUER G.BENN,MORGUE

    GottfriedBenn, Morgue

    Portrtfoto von GottfriedBenn(Brssel, 1916)

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    2 G.BENN,MORGUE

    Krankenhaus in Berlin-Moabit

    (zeitgenssische Postkarte)

    Rolf vonHoerschelmann,

    Umschlagzeichnung fr den Nachdruck der

    Gedichtsammlung Morgue (1923)

    GottfriedBenn,

    Saal der kreienden Frauen

    GottfriedBenn, Blinddarm

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    G.BENN,MORGUE 3

    Gottfried

    Benn,

    Mannund

    FraugehendurchdieKrebsbaracke

    GottfriedBenn,

    Nachtca

    f

    WilliamShakespeare,aus:Hamlet(IV

    /7)

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    GottfriedBenn, Manuskript zu:

    Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

    Ernst Stadler, Morgue (1912)

    Hans von Weber, Gottfried Benn:

    Morgue und andere Gedichte (1912)

    Junge Mediziner finden zuweilen gegendas Grauen, das ihnen das Allzumensch-liche in ihrem Berufe anfangs einflt,als bestes Hemmungsmittel brutalen Zy-nismus. - Gewhnlich tobt sich das amStammtisch oder vor entsetzten kleinen

    Mdchen aus. Hier klatscht es einer er-

    bleichend schluckenden Mitmenschen in500 Flugblttern ins Gesicht. Bilder voneiner Scheulichkeit ohnegleichen ausder Morgue, den Entbindungsanstalten,Schilderungen von Krebsbaracken und

    Blinddarmoperationen, von denen auchnur Zeilen zu zitieren unmglich ist. DerStil ist nicht schlecht: knapp und verbis-sen. Es soll wohl eine Mitleidsorgie sein,wie etwa Panizzas Liebeskonzil. Kraft-genie? Talent? Vielleicht. Gewisse Stoffe

    zu meistern, brauchts aber etwas mehr:Gre zum Beispiel oder Form in

    hchster Vollendung. Immerhin: nil hu-mani... Wer sie aber lesen will, diese - -- Gedichte, der stelle sich einen sehr stei-

    fen Grog zurecht. Einen sehr steifen!!!

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    GeorgHeym, Ophelia

    Hanns Wegener, Gottfried Benn:

    Morgue und andere Gedichte (1912)

    In der allerjngsten Lyrik gebrden sich wieder einigeexzentrische Strmer und Drnger. Ein junger Verle-ger, Alfred Richard Meyer, glaubte einigen von ihnengute Dienste zu leisten, wenn er sie unter seine Flug-blattlyriker aufnahm. So berechtigte Freude die Biblio-

    philen ber diese Verffentlichungen empfinden m-gen, der ernsthafte Literaturfreund, der nicht so sehr

    der Aufmachung eines Buches, sondern in erster Liniedem Inhalt sein Interesse zuwendet, und der Kritiker,den buchtechnischer Luxus nie bestechen sollte, wer-den doch mitunter sinnend den Kopf schtteln und sich

    fragen: wozu diese kostbaren Schalen fr faule Frch-te? Unverstndlichkeit, barer Unsinn, Perversitt und

    Erotik sollen eine Gewhr sein fr dichterische Bega-bung. Da ist z. B. dieser Herr Benn, der sich wie einunreifer Mediziner in den ersten Semestern aufspielt.

    Man staune! Er singt von einer Aster, die irgendje-mand einem ertrunkenen Bierfahrer zwischen die Zh-ne geklemmt hat und Herr Benn nun bei der Obduktionmitsamt der Holzwolle in die Bauchhhle packt (Ru-

    he sanft, kleine Aster!), oder er erzhlt von der imSchilf verwesten Schnen mit dem angeknabbertem

    Mund, der lcherigen Speiserhre und dem Rattennestim Bauche, oder von dem goldplombierten Backzahneiner gestorbenen Dirne, den der Leichendiener her-ausschlgt, um fr tanzen zu gehen, oder er schil-dert einen Saal von kreienden Frauen, eine Blind-darmoperation, einen Gang durch eine Krebsbarackeetc. Was aus diesen Versen spricht, ist eine ekelhafte

    Lust am Hlichen, Unfltigen, an schamlosen Offen-heiten. Ein schreiender Naturalismus will hier nureinem Zweck dienen: pater le bourgeois. Mag mander Kunst die Behandlungsmglichkeit derartiger Stof-

    fe auch zugestehen, bei B. kann von irgendwelcherknstlerischen Bewltigung nicht die Rede sein. Talentsoll ihm jedoch nicht abgesprochen werden. Er musich erst einmal austoben.

    HansFriedrich, aus:

    [Sammelrezension ber Lyrik] (1912)

    Wenn frher jemand verrckt war, so sah er nur weieMuse tanzen. Jungberlin hat hierin entschieden einenFortschritt gemacht, es sieht Ratten. (Man vergleicheauch Heym und bedenke, was aus ihm noch alles htte

    werden knnen!). Allerlei Sezierungen des menschli-chen Krpers fhrt uns Benn vor, und zwar mit groerFachkenntnis. ber die Perversitt dieser Gedichte zuschreiben, ist als Lyrikkritiker nicht meine Sache. Ichberlasse diesen interessanten Fall den Psychiatern.

    Die neueste Dichtung der Reichshauptstadt (denn nurin ihrer Luft knnen solche Migeburten gedeihen undnur dort findet sich ein Verleger, der geschmacklosgenug ist, sie in Druck zu bringen) treibt seltsame Bl-ten, aber sie riechen bel nach Verwesung. Und man

    zieht sie wegen der Sensation und stellt sich damit aufdie gleiche Stufe mit Seiltnzern und Akrobaten. Aberman nennt es Kunst und salviert damit seine dekadente

    und sthetenhafte Seele, die von Tag zu Tag strkereReize braucht, um weiter vegetieren zu knnen.

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    RembrandtHarmensz von Rijn,

    Anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaes Tulp (1632)

    John EverettMillais, Ophelia (1851)

    EmilFaktor, aus:

    Fortgeschrittene Lyrik (1912)

    Friedrich [sic!] Benns Verse besingenLeichname, von Ratten angeknab-bert, sie fassen die Stimmung einerKrebsbaracke in unnachsichtige Worte,sie spenden die umschnrende Musikeines proletarischen Gebrhauses, siereizen das Auge mit Bildern des Opera-tionstisches, sie treiben mit Diagnosengeistvollen Frevel.Poesie darf man diese grausigen Dingenicht nennen. Man darf hchstens glau-ben, da die neuen Gedichte einen

    ergreifenderen Inhalt und ernsteresWeltgefhl haben als dicke Roman-bnde, welche den Schrei nach demKinde oder die Geschichte einesSelbstmordes mit hundertseitigerGrostadtaufmachung vornehmen.[...]

    Menschen mit ngstlichemNervensystem seien jedenfalls gewarnt.Ein Rattenparadies unter demZwerchfell eines toten Mdchens hatkeine Verwandtschaft mit der lieblichen

    Maiennacht. Auch da ein

    Leichendiener eine Goldplombe stiehlt,wre ein schwieriger Text fr denKonzertsaal. Die dramatische Szenerieeiner Blinddarmoperation birgt he-roische Zge der Geistesgegenwart,eignet sich aber nicht zur Vertonung.[...]Sollte dieser ungewhnlich zart gefate

    Roman einer Selbstmrderin nicht dochPoesie sein? Benn hat dieFurchtlosigkeit eines bitteren

    Beobachters, die Schamlosigkeit einesFachmannes. Poeten, welche den ther

    kosmisch durchfliegen, dichten anders.Aber sie erregen mit neuen Gedichtenselten das Gefhl so stark, da manihnen gleich ffentlich danken mchte.

    BertoltBrecht, Vom ertrunkenen Mdchen